Christiane Wolf | Lion’s Roar, 13. März 2020

Dr. Christiane Wolf über wie man die Ausbreitung des Coronavirus bewusst eindämmen kann – und dabei einen klaren Kopf bewahrt.

Alle gängigen Nachrichtenkanäle fordern uns derzeit auf, achtsam zu sein, um das Risiko einer Infektion mit COVID-19 zu vermeiden.

Achtsamkeit ist die Praxis, das Gewahrsein absichtsvoll in den gegenwärtigen Moment zu bringen, damit wir unsere Antwort auf das Geschehen wählen können, anstatt im Autopiloten zu reagieren. Beispielsweise wird uns geraten, unser Gesicht nicht ständig zu berühren, um eine Ansteckung zu vermeiden. Aber das ist leichter gesagt als getan, da es das eine völlig automatisierte Gewohnheit ist.

„Es ist von größter Wichtigkeit, dass wir unsere Praxis nutzen – und vertiefen – um uns selbst und der Welt zu helfen.“

Die gute Nachricht ist, dass uns Achtsamkeitspraxis genau dies vermittelt: Sich automatischer Muster bewusst zu werden, sie zu unterbrechen und stattdessen eine neue Handlungsweise zu wählen. Achtsamkeit wirkt hier wie eine Taschenlampe: Wir richten sie auf unsere gewohnten Verhaltensweisen, damit wir sie überprüfen und anders handeln können. Ohne Gewahrsein können wir unser Handeln nicht ändern. Dieses Gewahrsein ist immer der erste Schritt.

Wir alle haben zum Beispiel gelernt, in der Öffentlichkeit nicht in der Nase zu bohren. Wir tun es vielleicht immer noch im Privaten, aber wir haben das Muster automatisiert, uns gewahr zu werden, wenn wir in der Öffentlichkeit im Begriff sind, in der Nase zu bohren, und diesen Impuls dann zu unterbinden.

Gleichermaßen hilft uns Achtsamkeit auch bei der Prävention von Infektionen in vierfacher  Weise:

1. Achtsamkeit hilft uns automatische Verhaltensweisen zu unterbrechen.

2. Achtsamkeit schafft ein Gewahrsein für heilsamere Verhaltensweisen.

3. Regelmäßige Achtsamkeitsmeditation stärkt das Immunsystem.

4. Achtsame Medienpraxis ermöglicht uns, informiert zu bleiben ohne in Panik zu geraten.

1. Automatische Verhaltensweisen unterbrechen

Welche Verhaltensweisen sollten wir unterlassen, um eine Infektion oder ihre Verbreitung zu vermeiden?

  • Vermeiden das Gesicht zu berühren, insbesondere Mund, Nase und Augen.
  • In den Ellenbogen oder in Taschentuch zu husten und niesen, nicht in die bloßen Hände.
  • Vermeiden von Händeschütteln und Umarmungen.

Der Impuls, sein Gesicht zu berühren, entsteht oft durch ein Jucken in diesem Bereich. Wer bereits Achtsamkeit praktiziert wird die Praxis des während der Meditation „das Jucken beobachten“ wiedererkenne. Diese schult genau das, was hier gefordert wird: Sich eines Impulses gewahr zu werden, bevor sich die Hände bewegen, und den Juckreiz wahrzunehmen, ohne darauf zu reagieren.

Hier ist eine Übung, wie man das Nicht-Berührens des Gesichts praktizieren kann

1. Nimm Dir ein oder zwei Minuten Zeit, um jeden Impuls zur Berührung Deines Gesichtes wahrzunehmen. Kannst du diese Impulse einfach nur beobachten und nicht darauf reagieren? Was passiert mit den Impulsen, wenn du nichts tust? Wenn es schwierig ist, einem Impuls nicht zu folgen, stell Dir vor, dass Du an der Stelle, wo du dein Gesicht berührst, einen schwarzen Punkt oder Klebstoff hinterlässt. Es kann hilfreich sein, als Anker Deinen Atem zu spüren, um die Aufmerksamkeit während der Übung aufrechtzuerhalten.

2. Versuche Dich im Laufe des Tages an die Übung zu erinnern und ebenso wie es sich anfühlt, auf einen Impuls hin nicht zu handeln.

3. Oft wirst du dir erst während du dein Gesicht berührst gewahr werden. Das ist bereits mehr Gewahrsein als sich der Berührung des Gesichts überhaupt nicht bewusst zu sein, und ein Zeichen des Fortschritts! Mache weiter so!

4. Wiederhole den ersten Schritt mehrere Male, bis du dir während des Tages der Impulse mehr gewahr wirst und dieses Gewahrsein selbstverständlicher wird.

2. Heilsamere Verhaltensweisen wählen

Positive Verhaltensmuster, wie häufiges und längeres Händewaschen (ca. 20 Sekunden), social distancing oder Abstand zu anderen halten (1.5 Meter in der Öffentlichkeit oder im Home-Office) zu üben oder zumindest mit Erkältungs- und Grippesymptomen zu Hause zu bleiben, verringern nachweislich das Risiko einer Ansteckung und Verbreitung von Virusinfektionen.

Achtsames Händewaschen

Achtsames Händewaschen ist eine Praxis, die vor vielen Jahren in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen eingeführt wurde. Es ist eine Art achtsame Pause, ein Moment, in dem man beim Händewaschen mit allen Sinnen vollkommen präsent ist, zum Beispiel indem man das warme Wasser und die Gleitfähigkeit der Seife spürt oder die damit verbundenen Düfte riecht. Dies dient dem doppelten Zweck, A) die nötige Zeit zu gewinnen um die Hände nicht nur von Schmutz, sondern auch von Bakterien und Viren zu reinigen, und B) einer achtsame Mini-Pause, um das Nervensystem während eines stressigen Tages wieder in den grünen Bereich zu bringen.

Social Distancing

Sich möglichst von Ansammlungen und Menschen fernzuhalten scheint das vielversprechendste Verhalten zu sein, um die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen, damit das Gesundheitssystem für notbedürftige Menschen aufrechterhalten werden kann. Befolge das so gut wie möglich, aber bleibe mit Freunden, Familie und deiner Praxisgemeinschaft durch Online-Angebote und Plattformen wie Zoom, Skype oder Facetime in Kontakt. Wir brauchen diese gegenseitige Unterstützung jetzt mehr denn je. Isoliere dich nicht! Initiiere eine Zeit mit Freunden oder anderen Meditierenden und praktiziert gemeinsam über das Telefon oder Zoom.

Mit Erkältungs- und Grippesymptomen zuhause bleiben

Mit Symptomen einer Erkältung oder Grippe nicht zur Arbeit zu gehen kann sich wie eine schwierige Entscheidung anfühlen, besonders wenn die Anforderungen am Arbeitsplatz hoch sind und vielleicht schon andere Kollegen ausgefallen sind. Die Möglichkeit zu Hause zu bleiben und dem Körper das zu geben, was er gerade braucht – nämlich Ruhe – bestärkt auch die wichtigen Grundsätze der Selbstfürsorge und Selbstfreundlichkeit.

3. Regelmäßige Achtsamkeitspraxis stärkt das Immunsystem

Mehrere Studien zeigen, dass eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis das allgemeine Stressniveau senkt, die Lebensqualität verbessert und das Immunsystem stärkt. COVID-19 hat ein höheres Komplikationsrisiko für Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Es ist vielleicht eine zu große Behauptung, zu sagen, dass Meditation uns vor einer Ansteckung schützen, oder, sollten wir einmal infiziert sein, das Risiko von Komplikationen senken kann, doch viele langjährige Meditierende werden behaupten, dass sie weniger mit Erkältungen und grippalen Infekten zu kämpfen haben, oder dass sie die Häufigkeit und Intensität von Krankheitsschüben und chronischen Leiden verringert haben.

4. Achtsame Medienpraxis: Informiert bleiben ohne in Panik zu geraten

Achtsamkeitspraxis hat sich auch bewährt, um Ängste und Sorgen zu verringern. Angesichts der weltweiten Medienberichterstattung über das Coronavirus kann man leicht in Sorge oder sogar in Panik geraten.

Achtsamkeit hilft uns, der Gegenwart von Angst oder Sorge in Form von Gedanken und Körperempfindungen gewahr zu sein, und sie mit Freundlichkeit zu beobachten anstatt sie beiseite zu schieben. Das wiederholte Zurückkehren zu den Empfindungen des Atems oder des Bodens unter unseren Füßen hilft uns, uns erneut auf den gegenwärtigen Moment auszurichten anstatt auf eine imaginäre Zukunft zuzusteuern. Der Slogan lautet: Bleibe ruhig und mache weiter (keep calm and carry on; es ist erwähnenswert, dass dieser Slogan während des Zweiten Weltkriegs entworfen wurde, um die britischen Bürger anzuweisen, wie sie sich angesichts eines schweren Militärschlags verhalten sollten).

Indem wir diese Prinzipien der Achtsamkeit in die Praxis umsetzen, helfen wir uns selbst und anderen, diese Epidemie mitsamt ihrer Unvorhersehbarkeit zu überstehen, und wir tragen unseren Teil dazu bei, die Ausbreitung und die Auswirkungen von COVID-19 auf unseren Körper und Geist zu verringern. Es ist von größter Wichtigkeit, dass wir unsere Praxis nutzen – und vertiefen – um uns selbst und der Welt zu helfen, ruhig zu bleiben und dies gemeinsam durchzustehen.

Quelle: https://www.lionsroar.com/take-a-mindful-approach-to-covid-19/

Ins Deutsche übertragen von Dennis Johnson (www.dennis-johnson.com)

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