Gelassenheit ist eine Qualität, die uns in unserer Mitte verankert. Wir können das Gleichgewicht wahren, auch wenn das Leben um uns herum verrückt spielt. Dharma-Lehrerin Christiane Wolf über die Kunst, in sich ruhend dem stetigen Wandel im Außen zu begegnen.

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Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann.“ Mit diesem Satz beginnt der deutsch-amerikanische Schriftsteller Max Ehrmann im Jahre 1929 seinen Familienrundbrief, der später als „Desiderata“ in die Weltliteratur eingeht. Meine Mutter schätzte diese Reflexion über das Leben so sehr, dass sie eine gerahmte Kopie gegenüber der Toilette in unser Badezimmer hängte. So fand ich mich jahrelang mehrfach am Tag in besinnlicher Haltung dabei, über diese Zeilen nachzudenken. War das der Ursprung meiner spirituellen Suche, die mich letztendlich zum Buddhismus und zum Praktizieren von Gelassenheit und zur Liebe von Schweigeretreats gebracht hat? Dieser Gedanke bringt mich natürlich schon zum Schmunzeln – aber es stimmt, dass besonders diese ersten zwei Zeilen mich seitdem begleiten. Wenn ich Meditationsgruppen leite, frage ich zu Beginn oft, was die Teilnehmer sich erhoffen. Und die bei Weitem häufigste Antwort ist immer wieder „innere Ruhe“ oder „Gelassenheit“. Ruhig und gelassen durch die Hektik unseres Alltags gehen zu können und Momente der Stille wahrzunehmen und zu schätzen zu wissen – danach sehnen wir uns. Was ist diese innere Ruhe oder Gelassenheit? Und wie können wir mehr davon in unser Leben einladen?

Ruhend im inneren Kern

Gelassenheit, oder auch Gleichmut, ist eine innere Haltung, Dinge im Moment so akzeptieren zu können, wie sie sind, unabhängig davon, ob sie schwierig oder langweilig sind, oder ob sie Begeisterung oder Mehr-haben-Wollen hervorrufen. Sie bringt eine Ausgeglichenheit und Balance sowohl gegenüber Freude als auch gegenüber Schwierigkeiten mit sich, die vor einer emotionalen Überreaktion schützen und in einem größeren Ganzen ruhen. Gelassenheit geht oft mit einer inneren stillen Freude oder Heiterkeit einher, die nicht davon abhängig ist, wie sich das Leben in diesem Augenblick präsentiert. Sie ist wie ein ruhender Kern, der durch eine innere Weite das beständige Entstehen und Vergehen unserer Erfahrung halten kann. Dieser ruhende Kern basiert auf der Einsicht, dass sich alles ständig im Wandel befindet und vieles außerhalb unserer Kontrolle ist. Und dass wir damit – zumindest in diesem Moment – Frieden schließen. Es beinhaltet oft auch eine Art Grundoder Urvertrauen in den Lauf der Dinge.

Was sind unsere Wurzeln?

Die Eiche, seit jeher ein Symbol für Standfestigkeit und Gleichmut, ist fest im Boden verwurzelt und lässt sich von den sich ständig ändernden Wettermustern und Jahreszeiten nicht beeindrucken. Diese Standfestigkeit verdankt sie ihren Pfahlwurzeln, die den Baum sicher in der Tiefe verankern und ihn dadurch auch bei starken Stürmen aufrecht, stabil, aber nicht rigide stehen lassen. Wir können uns die Frage stellen, was unsere Pfahlwurzel ist. Was hilft uns, standzuhalten, wenn das Wetter des Lebens ungemütlich wird? In der buddhistischen Lehre spielt Gelassenheit eine zentrale Rolle. Sie ist eine der vier „Unermesslichkeiten“ oder „Kernqualitäten des Herzens“, die wir Liebende Güte (in der indischen Sprache Pali: Metta), Mitgefühl (Karuna), Mitfreude (Mudita) und eben Gelassenheit (Upekkha) nennen. Upekkha ist in Pali ein zusammengesetztes Wort, was als „ruhig beobachtend“ oder „mit Geduld und Weisheit betrachtend“ übersetzt werden kann. Zusammen mit Liebender Güte macht Gelassenheit das Praktizieren der anderen Qualitäten erst möglich, denn sonst bestünde leicht die Gefahr, dass wir von all dem Leid und Schmerz in der Welt überwältigt und uns verschließen oder abwenden würden – oder aber, dass wir von der Schönheit und der Freude, die ja ebenso Teil der Wirklichkeit sind, geblendet und verführt würden. Gleichmut ist groß genug, um alle Seiten in freundlicher und fürsorglicher Zuwendung zu halten. Ein Sprichwort aus China drückt das treffend aus als „dieses Leben der 10.000 Leiden und der 10.000 Freuden.“

Die acht weltlichen Winde

Der Buddha warnte davor, sich von dem ständigen Wechsel des Lebens zu sehr beeindrucken zu lassen. Er nannte dies die „acht weltlichen Winde“, die uns auch heute, 2600 Jahre später, immer noch hin- und herwehen: Genuss und Schmerz, Lob und Tadel, Erfolg und Misserfolg, Gewinn und Verlust. Natürlich würden wir gerne nur die eine Seite erfahren, aber je mehr wir durchschauen, dass sich doch beide immer wieder ändern werden, egal, wie sehr wir auch versuchen, die eine festzuhalten und die andere zu vermeiden, umso mehr vertieft das unser Ruhen im Zentrum, unsere Verankerung mit unserer Pfahlwurzel. Gelassenheit ermöglicht uns, sich dem Leben in seiner ganzen Fülle zuwenden zu können und damit unser Leben nicht nur in seiner Länge, sondern auch in ganzer Breite und Tiefe zu erfahren. Gleichmut ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Diese beiden Zustände können von außen zum Verwechseln ähnlich aussehen, weshalb Gleichgültigkeit in der buddhistischen Literatur auch als der „nahe Feind“ von Gleichmut bezeichnet wird. Gelassenheit ist auch nicht „Zähne zusammenbeißen“ oder „Augen zu und durch“, sondern sie ist nicht trennbar von einem Gefühl der Fürsorge und einer ruhigen Heiterkeit, die nur durch das verkörperte Wissen von Unbeständigkeit und einem Akzeptieren – und Erlauben – von einer gewissen Kontrolllosigkeit über die gegebene Situation entstehen kann. Gelassenheit wird auch gerne als „großelterliches Gefühl“ bezeichnet. Großeltern haben ihren Enkeln gegenüber – bei gleicher Liebe – viel mehr Gelassenheit und Perspektive als ihren Kindern gegenüber, sowohl was die Fortschritte als auch die Schwierigkeiten betrifft. Sie haben bei ihren eigenen Kindern gelernt, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird, und sie können dadurch ihren Enkeln viel stressfreier begegnen.

Eine größere Perspektive

Schafft die Achtsamkeitspraxis mehr Gelassenheit? Zur Definition von Achtsamkeit gehört urteilsfreie Wahrnehmung, was leicht die Erwartung wecken kann, dass mit Achtsamkeit auch gleichzeitig Gleichmut auftritt. Daher kann es zu Beginn unserer Achtsamkeitspraxis oft so frustrierend sein, wie wenig Gleichmut in kniffeligen Situationen vorhanden ist und wie verurteilend und unfreundlich kommentierend unser Geist ist. Ironischerweise lässt uns gerade erst die Anwesenheit von Achtsamkeit dies so deutlich erkennen! Kann mich ein Blick meiner Kollegin oder ein rücksichtsloser Autofahrer wirklich so aus der Fassung bringen? Achtsamkeit und Gleichmut sind eng miteinander verwoben und verstärken sich gegenseitig, aber sie sind zwei distinkte Fähigkeiten, die sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit entwickeln. Achtsamkeit können wir von Anfang an erfahren, Gelassenheit braucht oft etwas länger. Durch Achtsamkeit können wir den Fluss von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen im Körper beobachten, ohne sofort in einer Kurzschlussreaktion zu landen. Den Moment auf diese Art und Weise wahrzunehmen, lässt uns mehr und mehr Einsicht in die Vergänglichkeit und in die komplexen, oft unpersönlichen Kausalketten von Erfahrungen gewinnen. Diese Einsicht eröffnet uns eine größere Perspektive und führt zu mehr Gelassenheit. Wir können vertrauen, dass wir, wenn wir über einen längeren Zeitraum regelmäßig Achtsamkeit und Einsichtsmeditation praktizieren, tatsächlich gelassener und freundlicher werden. Die Schule des Lebens macht uns also gelassener, aber wir müssen das nicht nur den weltlichen Winden überlassen, sondern können das auch ganz bewusst üben – ich stelle dazu im Anschluss einige Übungen vor. Letztlich tut Gelassenheit nicht nur uns gut, sondern auch allen, denen wir mit dieser inneren Ruhe begegnen. So können wir immer ruhiger und gelassener durch den Lärm und die Hast unseres Lebens gehen und die unendliche Lebendigkeit in der Fülle des einzelnen Moments erfahren

Übungen zur Gelassenheit

Offen bleiben, Perspektive einladen

Reflektiere über eine Situation in deinem Leben, die du zunächst als negativ angesehen hast, die dann aber zu einer viel besseren Situation führte, die du zu dem Zeitpunkt nicht voraussehen konntest. Zum Beispiel das Ende einer Beziehung, die es erst möglich machte, deinen wirklichen Lebenspartner zu finden. Oder die Ablehnung nach einem Vorstellungsgespräch, was letztlich zu einer viel besseren Position oder Anstellung führte. Lade diese Möglichkeit in eine gegenwärtige Situation ein, von der du bisher nur die negative Seite sehen konntest.

Gleichmut gegenüber geliebten Menschen, die leiden

Wenn jemand, den wir lieben, leidet, besonders, wenn es sich um einen engen Familienangehörigen handelt, ist das sehr schwer auszuhalten. Wir verstricken uns oft in Schuldgefühlen, dass wir nicht genug helfen können oder meinen, dass es uns aus Solidarität dann auch nicht gut gehen darf, oder wir nehmen ihr Leiden zu sehr selbst an. Der Kern dieser Übung ist die Einsicht, dass wir letztendlich niemanden glücklich machen können, egal, wie sehr wir uns das auch wünschen. Wir können nur mit unserem eigenen Geist und unseren eigenen Reaktionen arbeiten und unsere eigenen Entscheidungen treffen. Wiederhole den folgenden Satz immer wieder leise während einer Meditation und auch während des Tages: Jeder ist auf seinem Lebensweg. Ich bin nicht die Ursache für dein Leiden (oder nicht die ausschließliche Ursache), Moments for Selfcare | Ressourcen für den Alltag Dr. Christiane Wolf ist Dharma-Lehrerin in der Vipassana-Tradition und MBSR-Ausbilderin. Ihre eigene Praxis begann vor über 25 Jahren. Seit 2003 lebt und arbeitet sie hauptsächlich in Los Angeles, wo sie Retreats und MBSR-Programme bei der Non-Profit-Organisation InsightLA leitet. www.christianewolf.com Übungen zur Gelassenheit noch steht es völlig in meiner Gewalt, es zu beenden, obwohl ich mir das wünschen würde. Augenblicke wie diese sind schwer auszuhalten, und doch werde/möchte ich weiterhin versuchen, zu helfen, wo ich kann. (nach Kristin Neff)

Weiter Himmel, offenes Gewahrsein

In der Meditation können wir nach einer anfänglichen Sammlung und Konzentration auf den Atem das Gewahrsein wie eine Kameralinse immer weiter öffnen, bis sich der Unterschied von Vordergrund (Atem) und Hintergrund (alles andere, wie zum Beispiel Gedanken, Gefühle, Geräusche, Körperempfindungen etc.) auflöst. Wir können uns innerlich zurücklehnen und das ständige Entstehen und Vergehen von Erfahrung im Moment beobachten, ohne uns in Details zu verfangen. Wir ruhen in der Perspektive des weiten Himmels und lassen alle Erfahrungsmomente wie Wolken oder Vogelschwärme vorbeiziehen.

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