Gute Vorsätze – und dann?

Gute Vorsätze – und dann?

Wie wir selbst gesteckte Ziele mit Wohlwollen und Akzeptanz erreichen, statt sie vorzeitig an Erfolgsdruck und falsch verstandener Disziplin scheitern zu lassen

Text: Christiane Wolf | Foto: James Chou

 

Ist 2019 das Jahr, in dem du endlich jeden Tag meditierst? Oder dreimal in der Woche zum Sport gehst? Neues Jahr, frischer Start! Wir starten voller Elan und Begeisterung. Aber die Statistik sieht leider reichlich ernüchternd aus: Etwa 80 Prozent der guten Vorsätze werden bis zum Februar bereits wieder aufgegeben.

Es ist sehr viel leichter, sich eine Veränderung vorzustellen und vorzunehmen, als sie dann tatsächlich auch umzusetzen. Viele Artikel oder Blogs haben nützliche Tipps zur Hand, aber bevor wir uns den Details der Umsetzung zuwenden, möchte ich uns einladen, einen großen Schritt zurückzutreten und zu fragen: „Warum? Warum diese Vorsätze?“

Etwas Neues zu lernen, sich zu verändern, zu verbessern und zu wachsen, sind tiefe menschliche Bedürfnisse. Wir würden es als Babys nie zum Krabbeln und Laufen bringen, wenn diese wunderbare Neugier und der Forschungsdrang nicht angeboren wären. Veränderung und Wachstum können tiefe Freude und Befriedigung hervorrufen oder uns schmerzlich unter Leistungs- und Erfolgs Vorsätze – und dann? druck setzen. Der Unterschied liegt in der Motivation. Bob Sharples, Meditationslehrer aus Australien, hat den Ausdruck der „subtilen Aggression der Selbstverbesserung“ geprägt. Oft steht hinter dem Wunsch zur Selbstverbesserung das nagende Gefühl, dass wir, so wie wir sind, nicht gut genug sind. Nicht fit genug, nicht schlau genug, nicht einfühlsam genug, nicht schlank genug, nicht – hundert weitere Eigenschaften – genug. Wir sind daher ständig dabei, an uns zu drehen und zu schieben, zu schrauben und zu feilen.

Die perfekte Version von uns hätte natürlich schon längst eine inspirierende Morgenroutine, komplett mit Zitronenwasser, Tagebuch, Meditation und je nach Typ entweder einem sanften Yoga-Workout oder einem schweißtreibenden Tabata-Quickie. Und wir wären natürlich nicht mehr so schrecklich selbstkritisch, sondern endlich voller Mitgefühl für uns selbst!!

Aber Selbstmitgefühl scheint tatsächlich ein Schlüssel für weitgreifende und andauernde Veränderungen zu sein. Selbstmitgefühl steht Studien zufolge mit gesünderen Verhaltensmustern wie zum Beispiel mehr Bewegung und guter Ernährung in Verbindung.

Das Entscheidende daran ist, dass das Selbstmitgefühl uns bedingungslos so annimmt, wie wir bereits sind, einschließlich aller Macken und Unvollkommenheiten! Es ist, als ob es sagte: „Ich liebe dich genau so, wie du bist. Aber eben weil ich dich so sehr lieb habe, wünsche ich mir, dass du mit dem Rauchen aufhörst, regelmäßig Sport treibst (oder was auch immer die gewünschte Veränderung ist).“ Oder wie der Psychologe Carl Rogers sagte: „Es ist ein merkwürdiges Paradox, dass ich mich erst ändern kann, wenn ich mich wirklich so annehme, wie ich bin.“ Wir können das auch Liebe nennen.

Sich mit Wohlwollen statt mit Kritik motivieren

Reflektiere in der Meditation, beim Spaziergang oder mit einem Tagebuch darüber, warum du dir eine bestimmte Verhaltensveränderung wünschst, besonders eine, die du bereits mehrfach erfolglos durchzuführen versucht hast. Möchtest du dich ändern, weil du siehst, wie dir bestimmte Verhaltensweisen schaden oder dir zumindest nicht guttun? Das ist ein ausgezeichneter Grund! Als nächsten Schritt schau hin, wie deine innere Haltung gegenüber der Situation jetzt ist. Wenn sie ablehnend, kritisch oder sogar angewidert ist, dann ist es hilfreich, sich zunächst mit diesem Gefühl zu befassen. Wenn du bereits eine Weile Achtsamkeit praktizierst, wird dir das sehr bekannt vorkommen. Wir arbeiten mit dem Widerstand, weil wir wissen, dass er es meist nur noch schlimmer macht: What you resist, persists. Ein systematisches Erlernen von Selbstmitgefühl mag hier als nächster Schritt anstehen.

Plane Pausen

und „Misserfolge“ ein Wenn wir uns mit Wohlwollen anspornen, dann sind Rückschläge und Pausen nicht nur okay, sie werden auch erwartet. Etwas Neues auszuprobieren, erfordert Mut, Disziplin und Ausdauer. Wir erwarten ehrliches Bemühen, aber keinen Perfektionismus. Wenn wir mal eine Meditationsoder Sportsitzung verpassen, ist das keine große Sache. Wir sind beim nächsten Mal einfach wieder dabei. Perfektionismus führt eher dazu, etwas abzubrechen oder aufzugeben, weil man sich dem Druck nicht gewachsen fühlt. Selbstmitgefühl ist unser Partner beim „Hinfallen, Aufstehen, Krönchenzurechtrücken, Weitergehen“.

Umgib dich mit Gleichgesinnten

Eine der besten Methoden für jegliche Verhaltensveränderung ist, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben. Verhalten und Einstellungen färben ab! Mit anderen zu meditieren und sich auszutauschen, ist eine der erfolgreichsten Methoden für eine regelmäßige Meditationspraxis. Sich zum Joggen zu verabreden oder sich zu einem monatlichen Buchclub zu verpflichten, kann das Zünglein an der Waage zum Erfolg sein.

 

 

 

Sharon Salzberg

Sharon Salzberg

Sharon Salzberg reiste 1971 als junge Frau allein nach Indien, um die Meditation zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr in die USA gründete sie zusammen mit Jack Kornfield und Joseph Goldstein die Insight Meditation Society in Barre, Massachusetts, schrieb zahlreiche Bücher und ist heute eine der bekanntesten Meditationslehrerinnen weltweit. Wir sprachen mit ihr über die Anfänge ihrer Arbeit, ihre heutige Sicht sowie über die Themen, die ihr besonders am Herzen liegen: Meditation, Mitgefühl und liebende Güte.

Sharon, wie siehst du dich heute selbst: als buddhistische Lehrerin oder doch eher als Achtsamkeitsund Mitgefühlslehrerin?

Das hängt vom Kontext ab. Mein allererster Lehrer war S. N. Goenka. Ich machte im Januar 1971 bei ihm ein Zehn-Tage-Retreat in Indien. In der ersten Nacht sagte er: „Der Buddha hat nicht den Buddhismus gelehrt, sondern eine Lebensweise.“ Und er fügte hinzu: „Das ist kein besseres Glaubenssystem; ihr müsst euer eigenes nicht aufgeben. Hier sind alle willkommen. Es geht um die Kraft deines Geistes.“ Daran habe ich mich seitdem orientiert. In manchen Kontexten nenne ich mich eine Buddhistin, in anderen sage ich: „So denke ich nicht.“ Und in sehr vielen Unterweisungssituationen sage ich: „Ich habe den Gebrauch dieser Werkzeuge in der buddhistischen Welt gelernt, und daher glaube ich, dass sie universell anwendbar sind.“ Aber die Sprache, die ich seit 1971 verwende – und das ist eine lange Zeit –, ist die des Buddhismus.

Erfüllt dich etwas an der wachsenden säkularen Achtsamkeitsbewegung mit Sorge?

Nein. Zum Teil aufgrund des starken Einflusses von Goenka. Ich weiß nicht, was die Leute sich vorstellen, was passiert, wenn man in ein Unternehmen geht, um dort zu lehren. Zu mir hat noch nie jemand in einem Unternehmen gesagt: „Ich möchte gefühlsund seelenlos werden, um leistungsfähiger zu sein.“ Denn Menschen sind Menschen; sie erzählen von ihrem alkoholkranken Bruder, von ihrem Kind, um das sie sich Sorgen machen, von ihrem Stress oder davon, dass sie nicht schlafen können. Anderes an dieser Entwicklung macht mir schon Sorgen. Zum Beispiel wird das Wort „Achtsamkeit“ auf tausend unterschiedliche Weisen benutzt. Aber das habe ich nicht in der Hand, und es muss nicht zwangsläufig schlecht sein. In der Meditationspraxis wird heute viel Wert darauf gelegt, bewusster zu leben, die Tasse Tee zu genießen, also kein Multitasking zu machen – das ist toll und daran ist nichts falsch. Doch die ursprüngliche Absicht war, durch Meditation das eigene Leben besser zu verstehen, es ging und geht um Weisheit und Einsicht, nicht bloß um das bewusstere Trinken einer Tasse Tee. Viele Menschen glauben, Weisheit und Einsichtkämen durch den Prozess des Achtsamseins von ganz allein. Da habe ich große Bedenken. Meine Hauptsorge betrifft allerdings die Ausbildung der Lehrer. Die Frage ist: Wer unterrichtet? Und was? Der Großteil der Lehrer ist gut motiviert, und viele führen ihre Trainingsprogramme an wirklich harten Orten durch, etwa in Gefängnissen, und leisten eine erstaunliche Arbeit, die ich nicht leiste. Aber die meisten Organisationen, die Achtsamkeitsprogramme in Firmen oder sozialen Einrichtungen einführen, wollen, dass dort Interne die Arbeit übernehmen und nicht fortwährend Leute von außerhalb kommen müssen. Jemand von einer staatlichen Stelle sagte mir einmal: „Das heißt, wir müssen die Trainer selbst ausbilden.“ Ich wollte wissen, wie lang das Training dauern sollte. „Acht Stunden.“ Ich antwor34 | by moment tete: „Da kommt nichts Gutes raus.“ Aber so wird es gemacht. Ich bitte die Leute dringend: „Wenn du diese Art von Training machst, werden acht Stunden nicht reichen. Denk nicht, dass du dann fertig und vom Schüler zum Meister geworden bist.“ Und dann ist es ganz wichtig, eine Gemeinschaft zu bilden, denn dort können Menschen sich gegenseitig unterstützen.

Hast du immer die Freiheit empfunden, dass du in allen Traditionen Lehrer finden kannst, oder hat dir an einem bestimmten Punkt etwas gefehlt?

Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ich lebte in Indien und das war voller Lehren, Praktiken und allem möglichen. Zu Beginn waren all meine Lehrer Birmanen oder in Birma ausgebildet worden. Ich musste mir sehr schnell Lehrer aussuchen. Aberich begriff, dass ich in Bezug auf die Praxis bei einem bleiben musste. In gewisser Weise war ich zu verwirrt und praktizierte eigentlich nicht, sondern verglich, wenn ich meditierend dasaß, bloß unterschiedliche Praktiken. Doch es war für mich sehr wichtig, mich schließlich für eine zu entscheiden. Später kam die Meditation der liebenden Güte hinzu. Ich machte Vajrayana-Praktiken, praktizierte in den Dzogchen-Traditionen, etwa deren Achtsamkeitsübungen. Für mich war das alles eine ganz natürliche Entwicklung.

Empfiehlst du Anfängern, sich auf eine Tradition zu konzentrieren?

Das hängt davon ab, was ihnen in ihrem Geist begegnet. Wenn man einen Geist wie ich hat, ist es sicher eine sehr gute Idee. Aber selbst wenn du dich auf eine Methode festlegst – und das muss ja nicht fürs ganze Leben sein –, kannst du von Vorträgen und Texten aus anderen Traditionen sehr profitieren, weil du dann bemerkst, dass du die Dinge auch aus anderen Blickwinkeln betrachten kannst.

Ich möchte mit dir über das Thema „Trauma“ sprechen, weil es gerade in aller Munde ist. Du hast in deinen Büchern von deinem eigenen frühen Trauma geschrieben, das auch einer der Gründe dafür war, dass du dich auf diesen Weg begeben hast. Wie hat deine Traumageschichte dich beeinflusst?

Ich verwende lieber das Wort „Leiden“. Und ich mache mal in dieser Richtung weiter, denn ich weiß nicht, ob im Wort „Trauma“ alles Leiden enthalten ist. Mit dieser Frage stellst du meine Praxis auch in den Zusammenhang der Geschichte jener Zeit. Gerade vor ein paar Wochen war ich in Buffalo, New York, wo ich aufs College gegangen bin und im zweiten Studienjahr einen Kurs in asiatischer Philosophie belegt hatte. Damals ist etwas in mir passiert, und ich brannte darauf, zu meditieren. Ich sah mich in Buffalo um, aber da gab es nichts. Die Universität hatte jedoch ein Programm für eigenständige Studien, und so habe ich ein Projekt entworfen: Ich bat darum, nach Indien gehen zu dürfen, um dort Meditation zu studieren, und sie haben mir das bewilligt. Und weg war ich! Nach all den Jahren erstaunt mich noch immer, dass ich damals unbedingt meditieren lernen wollte. Ich war 18 Jahre alt und noch nicht mal in Kalifornien gewesen. Aber ich ging nach Indien! Und ich war nicht die Einzige. Die Hälfte von uns wollte damals etwas finden, das fremd und kaum erreichbar schien. Damals trank noch niemand Chai, Yoga gab’s noch nicht überall. Viele drängte sehr schweres Leid zu diesem Schritt. Es ermöglichte uns, uns aufzumachen, das Risiko einzugehen und all das, was uns bedrückte, zu transformieren. Dafür werde ich immer dankbar sein. Aber da ist auch das Geheimnis unserer Reaktion. Denn viele Menschen leiden, aber sie reagieren nicht so. Ich komme oft auf ein Zitat von Roshi Joan Halifax zurück, das ich auch in meinen Büchern verwende: „Zwing dich nicht, deine Traumata als Gaben anzusehen. Nimm sie einfach als gegeben.“ Also: Dies und jenes ist passiert. Nimm es, wie es ist. Denn alles andere erzeugt einen enormen Druck und macht es unangenehm, nur daran zu denken.

Es fühlt sich tatsächlich vermessen an, ein Trauma als Gabe anzusehen. Was hat dann tatsächlich geholfen?

Alles. Ich habe Methoden erlernt, die mir zunächst einmal ermöglicht haben, das, was ich fühlte, zutage zu fördern und all diese Gefühle zuzulassen. Ich hatte Lehrer, die mich liebten und die ich liebte, also sehr heilsame Beziehungen. Ich gründete eine Gemeinschaft und wurde ein Teil von ihr. Eine Gemeinschaft, die heute, gefühlte tausend Jahre später, immer noch quicklebendig ist. Meine Zeit in Indien hat mir natürlich auch geholfen. In meiner Kindheit wurde, wie bei so vielen anderen, nie wirklich über mein Leiden gesprochen, während in Indien nichts verborgen bleibt, es liegt sozusagen alles offen auf der Straße, und das ist ganz erstaunlich! Aber ich habe einen starken Hang zu Methoden, denn das sind wirkliche Fähigkeiten und Werkzeuge. Wenn ich mit Bevölkerungsgruppen arbeite, die ich als traumatisiert bezeichnen würde, ist das einer der Begriffe, die ich am häufigsten benutze: Werkzeug. Und die Leute nehmen das gerne auf: „Ach, das sind Werkzeuge! Dann kann ich damit arbeiten, wenn ich eine Panikattacke habe?“

Werkzeuge bedeuten auch Kontrolle. Und genau die verlieren wir in traumatischen Situationen, oder?

Genau.

Was empfindest du dabei als besonders hilfreich?

“Besonders hilfreich“, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, da kommt einiges zusammen: uns erlauben, das, was wir fühlen, zu fühlen und es nicht zu beurteilen; erkennen, dass Eigenschaften wie Mitgefühl keine Schwäche sind, sondern eine große Kraft in ihnen liegt; und dass Mitgefühl mit uns selbst nicht bedeutet, dass wir aufgeben. Mit all den vielen Mythen übers Glück, die uns beigebracht worden sind, sind uns auch viele über Einsamkeit und darüber, was Stärke bedeutet, vermittelt worden.

Praktizierst du das selbst?

Das ist ein und dieselbe Praxis, keine zusätzliche. Ich beobachte nur die Auswirkungen, das, was sich zeigt, manchmal in Form von Angst. Das Einzige, was man als eine andere Praxis bezeichnen könnte – oder vielleicht auch nicht, da es nur ein Punkt ist, an den nicht jeder Übende gelangt –, ist eine Art systemisches Denken darüber hinaus.

Interessant! Bitte erzähl uns mehr darüber.

Gutherzigkeit und einen Blick auf Systemzustände und deren Wandel zu haben, sind zwei verschiedene Dinge. Die groß angelegte ReSource-Studie von Tania Singer hat gezeigt, dass man durch Achtsamkeitsmeditation tatsächlich mitfühlender und gutherziger wird. Das habe ich auch persönlich immer wieder erlebt und es von anderen Menschen bestätigt bekommen. Da erzählt mir zum Beispiel ein Mann: „Nachdem ich die Achtsamkeitsmeditation praktiziert habe, gehe ich die Straße entlang und jemand bittet mich um einen Dollar. Ich habe Bedürftigen schon immer etwas gegeben, aber jetzt schaute ich demjenigen, der mich fragte, zum ersten Mal in die Augen, und ich sah: Das ist ein Mensch.“ Und ich frage mich in dem Zusammenhang: Denkt dieser Mann auch darüber nach, was die Wohnungspolitik der betreffenden Stadt damit zu tun hat? Nicht zwangsläufig. Das ist nicht Teil der Meditation, sondern eine Art daraus resultierender Analyse.

Kannst du etwas mehr zur “liebenden Güte“, metta, sagen?

Vielleicht identifizierst du dich nicht damit, aber viele Menschen sehen dich so. Aber sicher, ich sehe mich auch so.

Wann bist du metta begegnet? Und warum glaubtest du, es solle Teil deiner Praxis sein?

Es ist ja bereits Bestandteil der buddhistischen Tradition. Goenkas Zehn-Tage-Kurse, AchtsamkeitsRetreats – heute würden wir sie „Bodyscans“ nennen –, konzentrierten sich auf die Empfindungen des Körpers. Und am Ende lehrte er auch noch liebende Güte. Es war das letzte Sitzen, eine halbe oder ganze Stunde. Es war fast so etwas wie eine Abschieds-Zeremonie. Damals, 1971, habe ich also zum ersten Mal davon gehört. Und das hat eine Saite in mir angeschlagen: Ich wollte mehr darüber erfahren, hatte aber keinen Lehrer. Also ging ich systematisch an die Sache heran, versuchte, etwas darüber herauszufinden oder zu lesen. Dann ging ich 1985 nach Birma und übte liebende Güte drei Monate lang mit Sayadaw U Pandita. Und ich kam zurück und begann, sie zu lehren, denn ich empfand sie wirklich als großartig. Man sagt, der Buddha habe gelehrt: „Liebende Güte ist die Antwort auf Angst“, und für mich war das zweifellos so. In buddhistischen Kreisen wurde das zum Teil zurückgewiesen, denn es ist keine Weisheitslehre wie „Leerheit“, es geht nur darum, sich gut zu fühlen. Aber ich lehrte es weiterhin. Und 1995 – es hat also zehn Jahre gedauert – schrieb ich Loving Kindness (deutsch: Geborgen im Sein), das im selben Jahr veröffentlicht wurde. Ich habe immer Anerkennung für diese von mir gelehrte Technik bekommen, aber mit dem Erscheinen des Buchs fanden mehr Menschen den Zugang dazu und sagten: „Das ist das fehlende Puzzleteil!“ Heute beobachte ich, wie einige Menschen sich abmühen, das Wort mindfulness (Achtsamkeit) zu ersetzen, weil es kalt und klinisch klinge – man hört jetzt Begriffe wie warm mindfulness, kindfulness, heartfulness oder …

… loving awareness.

Ich würde einfach mindfulness sagen, denn ich gehe davon aus, dass man nicht achtsam sein kann, wenn man das, was man fühlt, was man grade erlebt, ablehnt. Wenn du es wegzudrängen versuchst, wenn du dich dafür selbst verachtest, kannst du nicht wirklich achtsam sein. Du kannst bemerken, was gerade geschieht, aber du bist nicht achtsam.

Also die förderliche Qualität von sati (Achtsamkeit) im Vergleich zum schlichten Bemerken?

Ja.

Die meisten Menschen unterscheiden das nicht. Ich finde, es ist sehr wichtig.

Viele Menschen unterscheiden es tatsächlich nicht. Du kannst dir bewusst sein, dass du Angst hast, du kannst dir bewusst sein, dass du wütend bist – sie nennen das „achtsam sein“. Aber Goenka lehrte mich: „Eine Katze kann endlos lange achtsam vor dem Mauseloch warten und ist dabei doch voller Gier.“ Du kannst ablehnen, was du fühlst, du kannst dich dafür schämen, du fügst dem viel hinzu – und damit bist du nicht achtsam, auch wenn du bemerkst, was du fühlst.

Auf dem College hattest du diese Ahnung, der du gefolgt bist. Und als du mit Goenka metta praktiziertest, hattest du eine weitere Ahnung und bist auch dieser gefolgt und sehr ausdauernd drangeblieben. Was hast du daraus gelernt?

Ich weiß es nicht. Auf dem College hatte ich sicher keine Vorstellung davon, was daraus werden würde. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich: Wie habe ich das eigentlich angestellt?

Du bist als eine der ersten buddhistischen Lehrerinnen in den USA das „Metta-Girl“ gewesen?

Also, wenn man mich das „MettaGirl“ genannt hat, dann war das damals bestimmt kein Kompliment. Denn wenn Leute damals sagten: „Das ist bloß eine Wohlfühlpraxis“, dann sagten sie damit im Grunde: „Das ist was für Mädchen.“ Das ist heute anders.

Gibt es heute für dich persönlich noch Hindernisse auf dem Weg zur liebenden Güte?

Wie gehst du diese an, wie überwindest du sie? Ich begegne immer noch Hindernissen auf dem Weg zu metta, allerdings viel seltener als früher. Achtsamkeit ist der Schlüssel, wann immer Probleme auftauchen, um das, was geschieht, anzuerkennen, ohne gleich davon überschwemmt zu werden oder dagegen anzukämpfen.

Du sprichst auch davon, deine Feinde zu umarmen. Was bezeichnest du als Feind? Gehört der Hass dazu, der uns heute in der digitalen Welt überall entgegenschlägt? Wie gehst du damit um, oder berührt dich das gar nicht mehr?

Im tibetischen System gibt es drei Arten von Feinden: den äußeren Feind, das ist jemand, der uns zu schädigen versucht oder uns bereits geschädigt hat; den inneren Feind, das sind unsere eigene Wut und Angst, die uns überwältigen können; den geheimen Feind, das ist die Konstruktion unseres „Selbst“, das uns vom „Anderen“ trennt und entfremdet. Der Hass, dem wir in den Medien begegnen, ist eher der äußere Feind. Wenn wir ihn in uns aufnehmen und uns von ihm beherrschen lassen, wird er zum inneren Feind. Ich weiß, es ist schwer, Hass mit Mitgefühl zu begegnen, und es ist sehr schwer, zu verstehen, dass Mitgefühl nicht Nach- oder Aufgeben bedeutet. Einen Feind zu umarmen, bedeutet nicht, ihn aufgrund unserer Passivität gewinnen zu lassen. Es bedeutet, die Ursachen und Bedingungen, die zu Hass führen, besser zu verstehen und Kraft im Mitgefühl zu finden.

Liebe ist ein stark strapaziertes Wort, das leicht missverstanden werden kann. Was ist „wahre Liebe“ jenseits des Klischees, und wie erreichen wir sie?

Wahre Liebe ist für mich die Fähigkeit, uns tief miteinander oder mit etwas zu verbinden, und keine Ware, von der wir hoffen, dass jemand anders sie uns gibt und dann nie wieder wegnimmt – was heute leider oft darunter verstanden wird. Das wird uns ganz klar, wenn wir lernen, auf andere Weise aufmerksam zu sein: vollständiger und ohne all die Voreingenommenheiten und Filter.

Möchtest du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

Ich finde den Gedanken sehr hilfreich und wichtig, dass Meditation, Achtsamkeit und liebende Güte universell anwendbare Werkzeuge sind, die unser Nervensystem bewusst steuern helfen. Aber du musst sie auch ständig praktisch üben und anwenden. Es bringt nichts, bloß dazusitzen und voller Bewunderung zu denken: “Was für eine tolle Idee!“

Nimm das doch nicht so persönlich!

Nimm das doch nicht so persönlich!

Ein gut gemeinter Ratschlag – vielleicht geben wir ihn uns sogar selbst. Was ist es, was uns so überaus verletzbar macht? Inwieweit sind wir es selbst? 

Text: Christiane Wolf | Foto: Eugenia Maximova

Haben Sie schon mal den gut gemeinten Ratschlag bekommen, eine bestimmte Situation doch nicht so persönlich zu nehmen? Oder versucht, sich klarzumachen, dass Sie nur der Platzhalter für den Ärger eines anderen waren? Sie sind zu einer Veranstaltung oder Party nicht eingeladen worden. Ihr Chef ist in letzter Zeit meist unfreundlich und kurz angebunden. Ihre Tochter hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und wird von Klassenkameraden gehänselt. Meine Mutter fragte mich oft, wenn ich mich über etwas ärgerte, warum ich mir denn diesen Schuh anzöge? Dann würde er ja offensichtlich passen. Meistens nervte mich das, denn es zeigte klar, dass mich die Sache getroffen hatte, dass ich mich mit ihr identifizierte und damit ärger-bar war. Was nehmen wir persönlich und was nicht? Was ist tatsächlich persönlich und was nicht? Oder ist vielleicht die wichtigere Frage: Was macht das mit uns, wenn wir etwas persönlich nehmen, egal ob es so gemeint war oder nicht?

Identifiziert mit unseren Rollen

Jeder von uns hat unzählig viele Rollen und Identifizierungen, deren Gesamtheit wir als „Ich“ oder „unser Selbst“ bezeichnen. Das geht von unserer Rolle im Beruf („Ich bin Lehrer“) über die Familie („Ich bin Mutter“) bis zu unseren Vorlieben und Abneigungen („Ich liebe italienische Küche“,„Mit großen Partys kann man mich jagen“). Wenn diese Rollen infrage gestellt oder angegriffen werden, fühlt sich das schnell wie ein persönlicher Angriff an. Wenn jemand hier meine Kompetenz anzweifelt, fühle ich mich gekränkt. Mütter, die arbeiten, fühlen sich von Müttern, die den Beruf aufgegeben haben, angegriffen und umgekehrt. Wir schaffen ein Selbst, ein „Das bin ich“, und dann verteidigen wir es gegen Angriffe. Was ist dieses Selbst, das, womit ich mich gerade identifiziere? Das ändert sich. Vielleicht habe ich mich jahrelang als zufriedener Single verstanden und jetzt bin ich glücklich verheiratet? Ich war lange gesund und jetzt habe ich eine chronische Krankheit? Gibt es etwas, was all diese Wechsel überlebt und beständig ist? Wenn der Buddha gefragt wurde, ob es ein beständiges Selbst gäbe oder nicht, hat er entweder gar nicht geantwortet oder gesagt, die Frage sei falsch gestellt. Fragen dieser Art stürzten uns nur in philosophische Verwirrung, ließen die wesentliche Frage jedoch unbeantwortet.

Das hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun

Die wichtigste Frage, die wir uns stellen sollten: Was, das ich tue oder lasse, führt zu beständigem Glück und Wohlergehen? Zu wissen, ob das Selbst beständig ist oder nicht, bringt uns dauerhaftem Glück nicht näher. Anders ist es, wenn wir unsere Wahrnehmungen, Überzeugungen und die Handlungen, die daraus folgen, in Augenschein nehmen. Führen sie mich und letztlich alle anderen zu mehr Freundlichkeit, Gelassenheit und innerer Freiheit oder nicht? Bezogen auf unser Thema: Ist es hilfreich, wenn ich das jetzt persönlich nehme, oder nicht? Wenn ich etwas nicht persönlich nehme, heißt das nicht, dass es mir egal wäre oder ich es weiter geschehen ließe. Es heißt nur, dass ich den Aufprall für mich selbst abfange oder wenigstens abmildere. Ich praktiziere das aus Respekt und Mitgefühl mir selbst gegenüber. Der Dalai Lama zitiert gerne die alte buddhistische Weisheit: „Wenn du etwas ändern kannst, dann brauchst du dich nicht darüber zu ärgern oder deswegen zu sorgen, sondern du änderst es einfach. Und wenn du etwas nicht ändern kannst, hat es keinen Sinn, dich darüber zu ärgern oder deswegen zu sorgen.“ Leichter gesagt als getan, aber eine gute Erinnerung.

Unser Feingefühl gegenüber unseren Absichten

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass wir unser eigenes Handeln durch die Brille unserer Absichten sehen, die Handlungen anderer aber anhand der Auswirkungen beurteilen? Wir wissen, dass wir „das nicht so gemeint haben“. Aber wenn uns etwas verletzt, gehen wir erst mal davon aus, dass es Absicht oder dem anderen egal gewesen war. Oft nehmen wir uns dann nicht die Zeit, nachzufragen. Oder wir erleben, dass unsere Nachfrage mit einem defensiven „Aber das war ja nicht so gemeint“ beantwortet wird, was nicht gerade zur Entspannung der Situation beiträgt. Können wir selbst im umgekehrten Fall annehmen, dass der andere sich verletzt fühlt, und zuhören, warum?

Sowohl persönlich als auch unpersönlich

Wir sind komplexe und komplizierte Wesen und oft werden wir an früher Erlebtes erinnert. Wir tragen unsere eigenen Erlebnisse und Geschichten in uns als Verhaltensschablonen und haben von unseren Eltern und unserer Umgebung deren Geschichten und Interpretationen der Welt weitergereicht bekommen. Wir wissen, dass Traumata, besonders solche aus der Kindheit, oft an die nächste Generation weitergereicht werden. Ist das persönlich? Wenn ich von Eltern, die selbst geschlagen worden waren, geschlagen wurde, wenn Alkohol oder andere Rauschmittel mit im Spiel waren, ist das persönlich gegen mich gerichtet, oder bin ich nur ein Platzhalter, ein Auslöser? Kann etwas zugleich zutiefst persönlich und unpersönlich sein? Der indische Weise Maharaj Nisargadatta sagte: „Weisheit sagt, ich bin nichts, Liebe sagt, ich bin alles. Und zwischen diesen Polen fließt mein Leben.“ Das sind tiefe Fragen, die wir nur für uns alleine beantworten können. Ich habe vor Kurzem ein Schweige-Retreat mit dem Thema „Wer bin ich denn wirklich?“ unterrichtet. Danach erzählte mir eine Teilnehmerin, dass sie zum ersten Mal habe sehen können, dass die oft verletzenden Reden und Handlungen ihres jüngeren Bruders sowohl persönlich als auch unpersönlich gewesen seien. Dass er seine Eifersucht auf jede ältere Schwester losgelassen hätte, nicht nur auf sie, und dass seine fortwährende Unfähigkeit, seine Gefühle gegen sie im Zaum zu halten, auch jetzt noch als Erwachsener, seine Arbeit sei, nicht ihre. „Ich kann endlich meine Rolle loslassen, mich schuldig zu fühlen und ihn ständig beschwichtigen zu wollen“, sagte sie. Je klarer ich sehen kann, wie oft ich in meiner Sichtweise der Welt gefangen bin und aus dieser Perspektive heraus handle, umso mehr sehe ich das auch bei anderen. Und umso einfacher kann ich mich von dem Joch, mich persönlich angegriffen zu fühlen, befreien. Die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Auswirkungen es auf mich und mein Verhalten hat, wenn ich etwas persönlich nehme oder nicht, ist eine spannende Herausforderung. Wie viel an innerem Ballast kann ich loslassen, wie viel Freiheit und inneren Raum kann ich einladen?

Rollenfreiheit

Versuchen Sie mal, Ihre Rollen nur dann „anzuziehen“, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Müssen Sie Mutter sein oder Bruder oder Chefin, wenn Sie alleine Auto fahren? Wie wäre es mit einfach nur Auto fahren? Sehen, spüren, da sein. Und wenn Sie dann mit Ihren Kindern zusammen sind, seien Sie Mutter und lassen Sie die anderen Rollen, etwa die Chefin, los. Oder schauen Sie, was passiert, wenn Sie mal eine Rolle, die von Ihnen erwartet wird, nicht einnehmen.

RAIN – Umgang mit schwierigen Gefühlen

R: Recognize – Innehalten. Ein Moment des Wachwerdens zu unserer Erfahrung.

A: Acknowledge/Allow – Wahrnehmen/Erlauben. Das Gefühl ist Teil unserer Erfahrung, ob wir es wollen oder nicht.

I: Investigate with kindness/interest – Freundliches, interessiertes Erforschen des Gefühls. Wie fühlt sich das Gefühl an, wo im Körper ist es zu spüren?

N: Non-identify – Nicht persönlich nehmen. Kann ich das Gefühl erlauben, ohne mich damit zu identifizieren?

Persönlich/unpersönlich

1. Schicht: In Alltagssituationen darauf achten, wo sich etwas persönlich anfühlt und wo ich bereits weiß, dass es das nicht ist, zum Beispiel im Straßenverkehr oder beim Kundenservice am Telefon. Kann ich es eher als unhöflich oder achtlos sehen denn als persönlich gegen mich gerichtet? 2. Schicht: Jemand macht eine abfällige Bemerkung über jemand anderen und meint damit etwas, was ich auch als Teil meiner Persönlichkeit empfinde. Etwa: „Mütter mit Kinderwagen meinen immer, ihnen stünde alles zu.“ Oder: „Mit so einem Hintern sollte man keine Stretchjeans tragen.“ Oder: „Manche Leute sind immer die Ersten in der Mittagspause.“ 3. Schicht: Jemand, der mir nahesteht, sagt oder handelt mir gegenüber verletzend. Kann ich den inneren Raum so erweitern, dass ich zumindest die Möglichkeit sehe, dass die Reaktion mehr mit dem Innenleben und der Wahrnehmung und Interpretation dieser Person zu tun hat als mit mir? Dass ich nur ein Platzhalter bin? Was verändert sich?

Jack Kornfield

Jack Kornfield

Kaum einer hat der buddhistischen Lehre so viel Herz verliehen wie Jack Kornfield. Wir haben mit dem weltbekannten DharmaLehrer gesprochen, der es wie kein anderer versteht, sein Wissen mit großem Mitgefühl, tiefer Weisheit und in stets lebendiger Form weiterzugeben. FOTOS: Philippe Matsas; Live Talks Los Angeles INTERVIEW: Christiane Wolf

Christiane Wolf: Du kommst gerade von einem einwöchigen Retreat zurück – man könnte ja glauben, jemand mit deiner Erfahrung hätte Retreats gar nicht mehr nötig …

Jack Kornfield: Retreats sind etwas Wunder – bares und ich kenne keinen Lehrer, der nicht davon profitiert. Der Dalai Lama steht jeden Tag sehr früh auf, um sich seiner Praxis zuzu – wenden, meine eigenen Lehrer nehmen sich ebenfalls Zeit dafür. Wir leben ja in einer sehr schnelllebigen und komplizierten Kultur. Ich persönlich strebe mit meiner Praxis nicht da – nach, einen bestimmten Zustand, ein Ziel oder eine Erfahrungsebene zu erreichen. Meine Praxis soll mir dabei helfen, meinen Körper, mein Herz und meinen Geist für liebevolle Güte und Mitgefühl zu öffnen und im gegen – wärtigen Moment zu bleiben. Dieser Zugang ist immer offen, aber wenn man sich die Zeit für einen Retreat nehmen kann, dann ist das besonders belebend. Jeder klugen Gesellschaft und Kultur ist bewusst, dass es Zeiten gibt, wo es wichtig wird, in die Berge, in den Wald oder in die Wüste zu gehen, um dem Herzen zu lauschen, zur Ruhe zu kommen und den eigenen Platz im Mysterium der Welt zu fin – den oder wiederzufinden und sich so tief wie möglich wiederzuverbinden

In deinem gerade veröffentlichten Buch sagst du: Was nützt ein klarer Geist, wenn er nicht mit einem einfühlsamen Herzen gepaart ist? Wie erreicht man ein einfühlsames Herz

Nach über 40 Jahren als Lehrer ist eine der wichtigsten Lektionen, die ich gelernt habe: dass Achtsamkeit immer mit liebevoller Güte und Mitgefühl einhergehen muss. Andernfalls verwelkt sie oder ist von uns abgespalten, und das ist nicht gesund. Es wäre keine echte Achtsamkeit – es fühlt sich zwar an wie Achtsamkeit, aber eigentlich entfernen wir uns so vom unmittelbaren Erleben. Mittels Achtsamkeit präsent zu sein, bedeutet, in liebevollem Gewahrsein präsent zu sein. Alles, was wir in dieser rätselhaften menschlichen Inkarnation erleben, in unserem Körper, in unserem Geist, unseren Gefühlen, unseren Beziehungen zueinander, sollte in einem Gewahrsein erlebt werden, das zugleich gütig und liebevoll ist. Ohne dies beginnen wir ganz schnell zu werten, wenn auch sehr subtil. Wir wünschen uns, die Dinge wären anders, haben das Gefühl, was wir empfinden, sei nicht richtig oder nicht so, wie es sein sollte. Für viele Menschen ist es sehr schwer, die Liebe zu sich selbst zu entdecken. Darum ist es wichtig, unsere Aufmerksamkeit von Anfang an mit Güte zu paaren. Dadurch können wir nicht nur sehr viel klarer sehen, es ist auch eine Einladung an unseren Körper, sich zu entspannen und zu öffnen, eine Einladung, die allen Dimensionen des Geistes, allen Annehmlichkeiten und Schmerzen, Freuden und Leiden erlaubt, sichtbar zu werden. Durch liebevolle Bewusstheit entstehen ein tieferes Verständnis, Freiheit und Mitgefühl ganz von selbst. Das Schöne daran ist, dass man das trainieren kann. Wir Menschen können lernen, wie das geht. Das ist eines der größten Geschenke unseres Lebens.

Wie schön, danke! Warum ist es deiner Ansicht nach so schwierig, etwas vermeintlich so Einfaches zu tun, wie im gegenwärtigen Augenblick zu sein, vor allem dann, wenn es uns nicht gut geht, wenn wir Angst haben oder verzweifelt sind?

Jede menschliche Inkarnation birgt sowohl unsagbare Schönheit als auch ein Meer aus Tränen. Wir alle bestaunen das großartige Mysterium des Lebens in jedem Frühling, in dem erstaunlichen Erblühen dieser Erde und finden unseren Platz darin, wenn wir nur unsere Augen dafür öffnen. Doch die menschliche Inkarnation birgt auch Verlust, Verblendung und Angst. Jeder von uns trägt ein gewisses Maß an Leid und Freude, an Wohlgefühl und Schmerz, an Gewinn und Verlust, Ruhm und Erfolglosigkeit in sich – all das kommt und geht in einem Menschenleben, so wie der Wind sich dreht und die Jahreszeiten sich wandeln. Wenn wir meditieren, wird uns all dies bewusst. Und wenn wir unsere Einsamkeit und Angst unter Verschluss halten, unerledigte Angelegenheiten oder Leid im Herzen tragen, dann spüren wir das als Spannung im Körper, sobald wir zur Ruhe kommen, als überwältigende Gefühle, Angst und Verwirrung. Eines der größten Geschenke, die Meditation und Gewahrsein uns lehren können, tragen wir bereits in uns: Wir können lernen, für all diese Dinge offen zu sein, ihnen mit einem weiten Herzen voller Mitgefühl und Güte zu begegnen. Es geht nicht darum, Angst, Verwirrung oder Wertung loszuwerden oder sich ständig zu sagen: „Ich will nicht wertend sein, ich hasse meine Angewohnheit, alles zu bewerten.” Das ist ja noch mehr Bewertung. Stattdessen lege innerlich die Hände in einer Geste des Respekts aneinander, verneige dich und sage: „Das ist der urteilende Geist”

Wie können wir bei all den Problemen heutzutage und in einer Zeit, in der die Dinge sich so rasant entwickeln, unser Gleichgewicht, unsere innere Freiheit im Alltag finden?

Immer da, wo wir gerade sind! Andernfalls wäre Freiheit nur eine Fantasie. Wir sollten begreifen, dass die Freiheit des menschlichen Herzens nicht von äußeren Umständen abhängt. Als Nelson Mandela nach 27 Jahren aus dem Gefängnis auf Robben Island trat und dabei so viel Güte und Großherzigkeit, Mitgefühl und Vergebung ausstrahlte, veränderte er damit nicht nur Südafrika, sondern die Vorstellungskraft der ganzen Welt. Man kann vielleicht deinen Körper ins Gefängnis stecken, aber niemand kann deine Seele einsperren. Eines der größten Geschenke der Meditationspraxis ist, dass wir während wir lernen, mit unserer Verwirrung und Angst, Sehnsucht und Hoffnung, Liebe und Lust und den guten Absichten zu sitzen, zugleich lernen, in all diesen Dinge präsent zu sein. Und drumherum ist liebevolles Gewahrsein, das sagt Ja, das ist unsere Menschlichkeit. Wenn wir das schaffen, verlieren wir uns nicht mehr so leicht in Drama oder Emotionen. Wir können beobachten und sehen: „Oh, damit habe ich gerade zu kämpfen, hier steigt Angst auf.“ Das sind äußere Umstände, finanzielle Nöte, Konflikte in Beziehungen, gesellschaftliche Sorgen. Wir wollen nicht, dass Ängste unser Herz kolonisieren. Wir wollen nicht, dass uns Angst beherrscht. Stattdessen können wir uns unserem Herzen zuwenden und erkennen, dass wir – egal, wie die Umstände gerade sein mögen – jederzeit ein paarmal tief durchatmen, die Weite des Himmels betrachten, die Füße auf die Erde stellen und uns selbst und all unsere Erfahrungen in liebevollem Gewahrsein halten und sagen können: „Ja, all das kann Heimat sein“ – mit Verständnis und Mitgefühl. So finden wir Freiheit. All das kann man ganz wunderbar durch Meditation lernen. Im Magazin Scientific American las ich, dass Albert Einstein einmal gesagt hat: „Wenn du sicher Autofahren kannst, während du ein Mädchen küsst, dann schenkst du dem Kuss einfach nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient.“ In einem Leben voller Multitasking verlieren wir den Kontakt zu unserer Fähigkeit, voll und ganz präsent zu sein, die Augen unseres Gegenübers wahrzunehmen oder die Pflanzen am Wegesrand. Es ist schwer, sich diese Präsenz über den Tag hinweg zu bewahren. Wenn es uns jedoch gelingt, dann erkennen wir, dass die große Freiheit nicht in den äußeren Umständen zu finden ist. All diese Dinge sind wichtig und wir müssen uns ihnen und den Menschen um uns herum so gut es geht widmen. Manchmal ist das leicht, manchmal aber auch sehr schwierig. Die große Freiheit besteht darin, zu wissen, dass wir im Geiste und im Herzen frei sind, frei zu lieben, frei, alles voller Mitgefühl zu betrachten, frei, in jeder Situation unser Bestes zu geben.

Wie kann man das übertragen? Es ist ja schön und gut, zu meditieren und zu lernen, den eigenen Herausforderungen friedlich zu begegnen, aber es gibt eine Menge Ungerechtigkeit und viele Probleme in der Welt. Wie können wir sichergehen, dass wir uns davor nicht in der Meditation verstecken, sie nicht als Vorwand benutzen?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Achtsamkeit wird oft missverstanden. Im Sanskrit ist Achtsamkeit ein zusammengesetztes Wort, Satipatthana. Der erste Teil bedeutet achtsame Präsenz oder liebevolle Aufmerksamkeit, aber der zweite Teil des Wortes bedeutet so viel wie achtsame Reaktion. Um der Ungerechtigkeit in der Welt zu begegnen und sie aus Mitgefühl und einem guten Herzen heraus zu beheben, sind zwei Schritte nötig: Als Erstes gilt es, den Geist zu beruhigen und die Herzensqualitäten zu kultivieren, damit wir aus Klarheit, Liebe, Mut und Mitgefühl heraus handeln können. Denn das sind die Dinge, die die Welt braucht. Handeln wir aus Angst, Verwirrung oder Zorn, werden wir, auch wenn wir es noch so gut meinen, nur noch mehr Leiden erzeugen. Im Zen heißt es, es gebe nur zwei Dinge: Du sitzt und du fegst den Garten und es ist egal, wie groß der Garten ist. Wenn du also erst einmal deinen Geist beruhigt und dich deinem Herzen zugewandt hast, ist das wie ein Einatmen. Der nächste Schritt, das Ausatmen, ist eine achtsame Reaktion. Wenn du dich von deinem Sitzplatz erhebst, zentriert und anteilnehmend, dann wirst du ein Kind, das fällt, auffangen, wirst dafür sorgen, dass der Hungrige etwas zu essen bekommt. Wenn die Ungerechtigkeit der Welt für dich sichtbar wird, dann wirst du die Hand ausstrecken und berühren und heilen, was du heilen kannst. Keiner von uns kann die ganze Welt heilen. Das wäre Ego und Hybris. Aber wir können unser Herz öffnen, so dass wir die Welt mit Mitgefühl und Fürsorge behandeln. Und dann strecken wir die Hände aus und machen unsere Herzen weit, um zu berühren, zu heilen und zu inspirieren, bei unserer Arbeit, in der Familie, in unserer Gemeinschaft – wir kümmern uns um die, die verletzlich sind, und stehen für das ein, was richtig ist. Mein Kollege, Wes Nisker, hat vor einigen Jahren einen der größten amerikanischen Umweltschützer interviewt, Gary Schneider. Gary hat den Pulitzer-Preis gewonnen und schreibt seit 50 Jahren über Ökologie und Umweltschutz. Wes hat Gary, der inzwischen über 80 ist, gefragt, was er in Zeiten der globalen Erwärmung, steigender Meeresspiegel, aussterbenden Spezies und der Gefahr des Klimawandels zu sagen hätte. Und Gary sah ihn an und sagte: „Man darf sich nicht schuldig fühlen. Wenn man aus Schuldgefühl oder Zorn oder Angst heraus handelt, vergrößert man das Problem nur. Wenn du die Welt retten willst, dann tu es, weil du sie liebst.“ Diese Liebe in uns, die uns mit allem verbindet, ist die einzig wahre, die einzige große Macht, die dem Leiden in der Welt begegnen kann, die Mütter dazu befähigt, komplette Autos von ihren Kindern zu heben. Sie macht es möglich, dass Menschen mutig durch alle möglichen Schwierigkeiten gehen. Wir Menschen sind Überlebenskünstler und wir blicken auf tausende Generationen von Ahnen zurück, die uns bei jedem unserer Schritte, bei jedem Atemzug unterstützen. Wir können den Schritt machen: uns von unserem Sitzplatz erheben, die Augen klar, das Herz mutig und mitfühlend, und den Garten der Welt fegen. Das ist Praxis in ihrer tiefsten und schönsten Form

Du sagst, dem lebendigen Universum, dem großen Ganzen zu vertrauen, sei „weises Vertrauen“. Was meinst du mit weisem Vertrauen?

Die alten Meister bezeichneten das Vertrauen als eine der Eigenschaften des erleuchteten Herzens und Geistes. Es ist ein Vertrauen in die Erneuerung des Lebens. Wie der große Dichter Pablo Neruda sagt: „Du kannst alle Blumen pflücken, aber du kannst den Frühling nicht aufhalten.“ In dir steckt Lebenskraft – in mir, in jedem von uns wirkt dieselbe Lebenskraft, die unaufhaltsam junge Pflanzentriebe durch Asphalt und Stein treibt. Und auch im menschlichen Herzen ist etwas, das sich erneuern möchte. Es ist nie zu spät, neu zu beginnen. Weises Vertrauen heißt: Wir vertrauen, dass das Leben sich erneuert, und wir können die Samen des Lebens in unseren Herzen und in der Gemeinschaft wässern, auch wenn wir wissen, dass uns Schwierigkeiten nicht erspart bleiben. Es wird Menschen geben, die die Saat des Hasses aussäen und nähren, die Leiden erzeugen. Sie sind, wer sie sind, doch wir können sie mit Verständnis und Mitgefühl betrachten. Und zugleich wissen wir, dass diese Schwierigkeiten und Taten nicht das Ende der Geschichte sind. Wir können die Saat der Schönheit nähren und wässern und sowohl allein als auch kollektiv die Welt verändern. Auch in schweren Zeiten vertrauen zu können, ist eine der wichtigsten Eigenschaften des Herzens. Es hilft uns, durchzuhalten, es inspiriert uns. Die Wahrheit ist, dass wir rätselhafte Wesen sind, die aus Bewusstsein geschaffen sind, das ins Leben auf dieser Erde gebracht wurde und mit allem, was atmet und sich bewegt, verbunden ist. Das vergessen wir oft und dann fühlen wir uns getrennt und dieses Gefühl erzeugt großes Leiden. Es kann in unserem primitiven Gehirn leicht Ängste aktivieren. Die moderne Politik spielt die ganze Zeit damit. Aber das ist nicht, wer wir sind. Wir sind Wesen mit Würde und Edelmut (nobility), jedes Kind wird damit geboren. Wir sind mit allem Leben verbunden. Die Getrenntheit ist eine Illusion. Wir müssen sie akzeptieren und uns den Einzelheiten unseres Lebens widmen. Aber wir müssen ebenso hinausgehen und die ungeheure Weite der Sterne in einer klaren dunklen Nacht betrachten. Wir müssen zwischen den Bäumen wandeln, am Ozean entlang und in den Bergen, um zu spüren, dass wir Teil von etwas sind, das sich durch uns wieder und wieder erneuert. Und wir müssen darauf vertrauen, dass wir Schönheit und Leben in diese Welt bringen können.

Albert Einstein soll angeblich gesagt haben, dass die wichtigste Entscheidung unseres Lebens die ist, ob wir in einem feindlichen oder in einem wohlwollenden Universum leben. Das ist ja eigentlich eine dualistische Betrachtung. Wie siehst du das?

Nun ja, später hat er dann geschrieben, er glaube, das Universum sei wohlwollend und dass die Erkenntnis dieser Wahrheit uns befähige, die Welt mit all ihren Schwierigkeiten, Ängsten, dem Hass, dem Rassismus, ihrer Verblendung, aber auch ihrer Schönheit wahrzunehmen. Wir können uns in dem Wissen in dieser Welt bewegen, dass wir das Gute nähren und zum Vorschein bringen können. Zweifelsohne kann uns keine Technik im Außen retten. Keine Nanotechnologie, Weltraumtechnik, keine Computer oder das Internet und keine der anderen außergewöhnlichen wissenschaftlichen Errungenschaften, die wir besitzen, wird jemals Krieg, Rassismus und Tribalismus oder Umweltzerstörung aufhalten können. Die Entwicklungen unserer Zeit sind beeindruckend, wir tragen die große Bibliothek von Alexandria, die größten je geschriebenen Opern und noch viel banalere Dinge quasi in der Westentasche mit uns herum. Aber die technologischen Wunder machen nur die Hälfte unserer menschlichen Entwicklung aus. Die andere Hälfte, die weltweit einen großen Entwicklungsbedarf hat, ist das menschliche Bewusstsein. In diesem Bereich gilt es ebenfalls Fortschritte zu machen, um zu begreifen, dass wir alle gegenseitig voneinander abhängig sind und in Weisheit, Mitgefühl und Fürsorge miteinander leben können. Um uns selbst, unsere Familien, unsere Biosphäre und unser Leben mit den Augen und dem Herzen der Weisheit und der Liebe zu sehen. Und wenn das menschliche Herz auf diese Weise wächst, dann werden auch die Dinge, die wir im Außen bewirken, zu einem Quell des Wohlwollens und des Guten. Es gibt eine allgemeine Richtung für die Evolution des Bewusstseins. Eines meiner Lieblingsbücher stammt von Steven Pinker und heißt „The Better Angels of Our Nature“. Pinker ist Professor für Geschichte, Anthropologie und Politikwissenschaften in Harvard. Er legt dar, dass es trotz all der Kriege und Hungersnöte und von Menschen verursachtem Leiden im Laufe der vergangenen paar Jahrhunderte immer weniger Kriege gegeben und sich die Situation für viele Frauen auf der ganzen Welt mit jedem Jahrzehnt verbessert hat. Im Allgemeinen gibt es nicht mehr so viel Sklaverei und man ist sich auf internationaler Ebene einig, dass Sklaverei falsch ist. Wir haben Kinderarbeit und die skrupellose Ausbeutung von Kindern zu einem großen Teil abschaffen können. Und auch wenn es noch viel zu tun gibt und immer noch Menschen versklavt, Kinder misshandelt und schreckliche Kriege geführt werden: Die Menschheit lernt.

Eine deiner Meditationslehrerinnen war Dipa Ma, die in Deutschland leider nicht so bekannt ist. In dieser Ausgabe stellen wir sie mit einem Porträt vor. Was hat dich, wenn du dich an sie erinnerst, am meisten beeindruckt? Gab es vielleicht eine inspirierende Begegnung, die du mit uns teilen möchtest?

Dipa Ma gehörte zu den größten Meditationsmeisterinnen der Tradition, in der ich in Burma, Thailand und Indien ausgebildet wurde. Ich hatte damals bereits seit zehn Jahren selbst unterrichtet und war auf ein paar Schwierigkeiten gestoßen, die ich mit ihr besprechen wollte. Nach zahlreichen Retreats fühlte ich mich manchmal erschöpft und überfordert. Sie gab mir wundervolle Ratschläge, eine Menge Inspiration und riet mir, weniger Retreats anzuleiten und mich stattdessen mehr auf meine eigene Meditationspraxis zu konzentrieren. Auch sollte ich aufrichtiger und fürsorglicher mit mir selbst umgehen, damit ich besser für die anderen da sein konnte. Ich erinnere mich an einen Besuch bei ihr in Kalkutta, bei dem sie mich einige Tage unterrichtet hatte. Es war ein sehr heißer Sommer. Als ich ging, sagte sie zu mir: „Ich möchte dich segnen.“ Sie war so klein und sie umarmte mich auf diese wunderbare bengalische Art. Dann begann sie MettaGebete der liebenden Güte zu sprechen und tätschelte dabei meinen ganzen Körper. Das machte sie gute zehn Minuten lang und flüsterte dabei die ganze Zeit Gebete. In meinem Gesicht breitete sich währenddessen ein Lächeln aus, das immer breiter wurde, und auch ich selbst begann zu strahlen und fühlte mich immer glücklicher. Am Ende verbeugte ich mich und sagte Auf Wiedersehen, ging hinaus und versuchte, auf den drückend heißen Straßen Kalkuttas ein Taxi zu finden. Damals, Mitte der Achtziger bestand der Verkehr hauptsächlich aus Ochsenkarren, Kühen und hupenden Autos. In drückender Hitze fuhr ich in einem Taxi ohne Klimaanlage zum Flughafen „Dum Dum“, wo ich auf einen stark verspäteten Flug wartete. Es gab keine Klimaanlage und es waren Menschenmengen um mich. Schließlich stand mein Flug nach Bangkok an und ich stellte mich in eine sehr lange Warteschlange. Dann fuhr ich zwei Stunden mit dem Taxi ins Zentrum von Bangkok … Aber die ganze Zeit über grinste ich, als hätte jemand meinen ganzen Körper mit lauter Licht und Funken und Freude gefüllt. Ich ging sogar schlafen mit diesem Lächeln auf den Lippen und auch in den nächsten drei Tagen ließ dieses Gefühl von Freude und Glückseligkeit nicht mehr nach.

Das ist unglaublich! Danke für diese Erinnerung. Noch ein paar letzte Fragen. Du rätst dazu, „in Vertrauen zu altern“. Wie finden wir Zugang zu diesem Vertrauen, wenn das Alter an unsere Tür klopft? Was hat dich das Altern gelehrt? Und als du vor zwei Jahren noch einmal geheiratet hast: Waren die Leute nicht überrascht?

Altern ist etwas Natürliches, genau wie der Tod. Alle Organismen dieser Erde werden geboren und erfahren das Leben in ihrer jeweiligen Gestalt, um schließlich zu sterben. Wenn wir mit dieser Wahrheit in Harmonie leben, dann schenkt uns das wahren Frieden und Zufriedenheit. Die wichtige Erkenntnis dabei ist, dass wir nicht unser physischer Körper sind. Wenn du in den Spiegel schaust und siehst, wie du älter wirst, dann stell dich dem. Da sind Falten, die Haut beginnt zu hängen, dein Körper verändert seine Form. Interessant ist jedoch, dass wir uns oftmals gar nicht älter fühlen. Das ist ein überraschendes Gefühl. Das liegt daran, dass nur der Körper altert. Das Bewusstsein aber, das diesen Körper im Spiegel betrachtet, befindet sich außerhalb der Zeit. Es ist das zeitlose Bewusstsein. Es ist das Bewusstsein, das in deinen Körper geboren wurde, als er noch winzig klein im Bauch der Mutter ruhte, und das ihn bei seinem Tod wieder verlassen wird. Dieses Bewusstsein – das ist es, was du wirklich bist, du bist liebevolle Bewusstheit. Wenn du Moments for Mindfulness | Im Gespräch mit das verstanden hast, kannst du niemals sterben. Was stirbt, ist der Körper. Das Altern und der Tod sind trotzdem manchmal nicht leicht. Man verliert seine Fähigkeiten, es steigen schwierige Emotionen auf und wir verlieren Menschen, die wir lieben, und müssen am Ende diese ganze Identität loslassen. Aber diese Identität ist ein Tanz, ein Versuch. Wie willst du den Tanz des Alterns gestalten? Er wird einfach geschehen. Du kannst um dich treten und dein Selbstmitleid und deine Angst hinausschreien oder du verstehst, dass es nie zu spät ist, dich für den Wandel der Jahreszeiten und das Spiel des Lebens zu öffnen. Für mich war es eine fantastische Erneuerung, meine geliebte Trudy Goodman zu heiraten, die ich nun schon seit 40 Jahren kenne. Ich hoffe, dass ich für die Liebe nie zu alt sein werde.

Danke. Hast du noch einen weisen Rat für unsere Leser, die sich für diesen Weg und die Praxis interessieren?

Allen, die dieses Interview berührt hat, möchte ich sagen, dass das, was sie suchen, bereits in ihnen steckt. Sie können in einer Gemeinschaft oder einer Gruppe Unterstützung für ihre Meditationspraxis finden. Manchmal ist es nicht so leicht, ganz allein dranzubleiben, weil die Gesellschaft den Wert einer Kultivierung des Herzens nicht genug schätzt. Vertraue dir, vertraue auf dein gutes Herz. Die Tatsache, dass du dieses Magazin liest, sagt etwas über dich aus, nämlich dass etwas in dir weiß, dass man in Dankbarkeit, Anmut, innerer Freiheit und Liebe leben kann. Wässere diese Saat und sorge gut für dich. Finde Übungen und Gemeinschaften, die dich bei dieser Öffnung unterstützen, und es wird dich reicher machen und segnen.

Vielen Dank für deine Zeit und deine wertvollen Worte, Jack.

 

Gelasenheit:  Ressourcen für den Alltag

Gelasenheit: Ressourcen für den Alltag

Gelassenheit ist eine Qualität, die uns in unserer Mitte verankert. Wir können das Gleichgewicht wahren, auch wenn das Leben um uns herum verrückt spielt. Dharma-Lehrerin Christiane Wolf über die Kunst, in sich ruhend dem stetigen Wandel im Außen zu begegnen.

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann.“ Mit diesem Satz beginnt der deutsch-amerikanische Schriftsteller Max Ehrmann im Jahre 1929 seinen Familienrundbrief, der später als „Desiderata“ in die Weltliteratur eingeht. Meine Mutter schätzte diese Reflexion über das Leben so sehr, dass sie eine gerahmte Kopie gegenüber der Toilette in unser Badezimmer hängte. So fand ich mich jahrelang mehrfach am Tag in besinnlicher Haltung dabei, über diese Zeilen nachzudenken. War das der Ursprung meiner spirituellen Suche, die mich letztendlich zum Buddhismus und zum Praktizieren von Gelassenheit und zur Liebe von Schweigeretreats gebracht hat? Dieser Gedanke bringt mich natürlich schon zum Schmunzeln – aber es stimmt, dass besonders diese ersten zwei Zeilen mich seitdem begleiten. Wenn ich Meditationsgruppen leite, frage ich zu Beginn oft, was die Teilnehmer sich erhoffen. Und die bei Weitem häufigste Antwort ist immer wieder „innere Ruhe“ oder „Gelassenheit“. Ruhig und gelassen durch die Hektik unseres Alltags gehen zu können und Momente der Stille wahrzunehmen und zu schätzen zu wissen – danach sehnen wir uns. Was ist diese innere Ruhe oder Gelassenheit? Und wie können wir mehr davon in unser Leben einladen?

Ruhend im inneren Kern

Gelassenheit, oder auch Gleichmut, ist eine innere Haltung, Dinge im Moment so akzeptieren zu können, wie sie sind, unabhängig davon, ob sie schwierig oder langweilig sind, oder ob sie Begeisterung oder Mehr-haben-Wollen hervorrufen. Sie bringt eine Ausgeglichenheit und Balance sowohl gegenüber Freude als auch gegenüber Schwierigkeiten mit sich, die vor einer emotionalen Überreaktion schützen und in einem größeren Ganzen ruhen. Gelassenheit geht oft mit einer inneren stillen Freude oder Heiterkeit einher, die nicht davon abhängig ist, wie sich das Leben in diesem Augenblick präsentiert. Sie ist wie ein ruhender Kern, der durch eine innere Weite das beständige Entstehen und Vergehen unserer Erfahrung halten kann. Dieser ruhende Kern basiert auf der Einsicht, dass sich alles ständig im Wandel befindet und vieles außerhalb unserer Kontrolle ist. Und dass wir damit – zumindest in diesem Moment – Frieden schließen. Es beinhaltet oft auch eine Art Grundoder Urvertrauen in den Lauf der Dinge.

Was sind unsere Wurzeln?

Die Eiche, seit jeher ein Symbol für Standfestigkeit und Gleichmut, ist fest im Boden verwurzelt und lässt sich von den sich ständig ändernden Wettermustern und Jahreszeiten nicht beeindrucken. Diese Standfestigkeit verdankt sie ihren Pfahlwurzeln, die den Baum sicher in der Tiefe verankern und ihn dadurch auch bei starken Stürmen aufrecht, stabil, aber nicht rigide stehen lassen. Wir können uns die Frage stellen, was unsere Pfahlwurzel ist. Was hilft uns, standzuhalten, wenn das Wetter des Lebens ungemütlich wird? In der buddhistischen Lehre spielt Gelassenheit eine zentrale Rolle. Sie ist eine der vier „Unermesslichkeiten“ oder „Kernqualitäten des Herzens“, die wir Liebende Güte (in der indischen Sprache Pali: Metta), Mitgefühl (Karuna), Mitfreude (Mudita) und eben Gelassenheit (Upekkha) nennen. Upekkha ist in Pali ein zusammengesetztes Wort, was als „ruhig beobachtend“ oder „mit Geduld und Weisheit betrachtend“ übersetzt werden kann. Zusammen mit Liebender Güte macht Gelassenheit das Praktizieren der anderen Qualitäten erst möglich, denn sonst bestünde leicht die Gefahr, dass wir von all dem Leid und Schmerz in der Welt überwältigt und uns verschließen oder abwenden würden – oder aber, dass wir von der Schönheit und der Freude, die ja ebenso Teil der Wirklichkeit sind, geblendet und verführt würden. Gleichmut ist groß genug, um alle Seiten in freundlicher und fürsorglicher Zuwendung zu halten. Ein Sprichwort aus China drückt das treffend aus als „dieses Leben der 10.000 Leiden und der 10.000 Freuden.“

Die acht weltlichen Winde

Der Buddha warnte davor, sich von dem ständigen Wechsel des Lebens zu sehr beeindrucken zu lassen. Er nannte dies die „acht weltlichen Winde“, die uns auch heute, 2600 Jahre später, immer noch hin- und herwehen: Genuss und Schmerz, Lob und Tadel, Erfolg und Misserfolg, Gewinn und Verlust. Natürlich würden wir gerne nur die eine Seite erfahren, aber je mehr wir durchschauen, dass sich doch beide immer wieder ändern werden, egal, wie sehr wir auch versuchen, die eine festzuhalten und die andere zu vermeiden, umso mehr vertieft das unser Ruhen im Zentrum, unsere Verankerung mit unserer Pfahlwurzel. Gelassenheit ermöglicht uns, sich dem Leben in seiner ganzen Fülle zuwenden zu können und damit unser Leben nicht nur in seiner Länge, sondern auch in ganzer Breite und Tiefe zu erfahren. Gleichmut ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Diese beiden Zustände können von außen zum Verwechseln ähnlich aussehen, weshalb Gleichgültigkeit in der buddhistischen Literatur auch als der „nahe Feind“ von Gleichmut bezeichnet wird. Gelassenheit ist auch nicht „Zähne zusammenbeißen“ oder „Augen zu und durch“, sondern sie ist nicht trennbar von einem Gefühl der Fürsorge und einer ruhigen Heiterkeit, die nur durch das verkörperte Wissen von Unbeständigkeit und einem Akzeptieren – und Erlauben – von einer gewissen Kontrolllosigkeit über die gegebene Situation entstehen kann. Gelassenheit wird auch gerne als „großelterliches Gefühl“ bezeichnet. Großeltern haben ihren Enkeln gegenüber – bei gleicher Liebe – viel mehr Gelassenheit und Perspektive als ihren Kindern gegenüber, sowohl was die Fortschritte als auch die Schwierigkeiten betrifft. Sie haben bei ihren eigenen Kindern gelernt, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird, und sie können dadurch ihren Enkeln viel stressfreier begegnen.

Eine größere Perspektive

Schafft die Achtsamkeitspraxis mehr Gelassenheit? Zur Definition von Achtsamkeit gehört urteilsfreie Wahrnehmung, was leicht die Erwartung wecken kann, dass mit Achtsamkeit auch gleichzeitig Gleichmut auftritt. Daher kann es zu Beginn unserer Achtsamkeitspraxis oft so frustrierend sein, wie wenig Gleichmut in kniffeligen Situationen vorhanden ist und wie verurteilend und unfreundlich kommentierend unser Geist ist. Ironischerweise lässt uns gerade erst die Anwesenheit von Achtsamkeit dies so deutlich erkennen! Kann mich ein Blick meiner Kollegin oder ein rücksichtsloser Autofahrer wirklich so aus der Fassung bringen? Achtsamkeit und Gleichmut sind eng miteinander verwoben und verstärken sich gegenseitig, aber sie sind zwei distinkte Fähigkeiten, die sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit entwickeln. Achtsamkeit können wir von Anfang an erfahren, Gelassenheit braucht oft etwas länger. Durch Achtsamkeit können wir den Fluss von Gedanken, Gefühlen und Empfindungen im Körper beobachten, ohne sofort in einer Kurzschlussreaktion zu landen. Den Moment auf diese Art und Weise wahrzunehmen, lässt uns mehr und mehr Einsicht in die Vergänglichkeit und in die komplexen, oft unpersönlichen Kausalketten von Erfahrungen gewinnen. Diese Einsicht eröffnet uns eine größere Perspektive und führt zu mehr Gelassenheit. Wir können vertrauen, dass wir, wenn wir über einen längeren Zeitraum regelmäßig Achtsamkeit und Einsichtsmeditation praktizieren, tatsächlich gelassener und freundlicher werden. Die Schule des Lebens macht uns also gelassener, aber wir müssen das nicht nur den weltlichen Winden überlassen, sondern können das auch ganz bewusst üben – ich stelle dazu im Anschluss einige Übungen vor. Letztlich tut Gelassenheit nicht nur uns gut, sondern auch allen, denen wir mit dieser inneren Ruhe begegnen. So können wir immer ruhiger und gelassener durch den Lärm und die Hast unseres Lebens gehen und die unendliche Lebendigkeit in der Fülle des einzelnen Moments erfahren

Übungen zur Gelassenheit

Offen bleiben, Perspektive einladen

Reflektiere über eine Situation in deinem Leben, die du zunächst als negativ angesehen hast, die dann aber zu einer viel besseren Situation führte, die du zu dem Zeitpunkt nicht voraussehen konntest. Zum Beispiel das Ende einer Beziehung, die es erst möglich machte, deinen wirklichen Lebenspartner zu finden. Oder die Ablehnung nach einem Vorstellungsgespräch, was letztlich zu einer viel besseren Position oder Anstellung führte. Lade diese Möglichkeit in eine gegenwärtige Situation ein, von der du bisher nur die negative Seite sehen konntest.

Gleichmut gegenüber geliebten Menschen, die leiden

Wenn jemand, den wir lieben, leidet, besonders, wenn es sich um einen engen Familienangehörigen handelt, ist das sehr schwer auszuhalten. Wir verstricken uns oft in Schuldgefühlen, dass wir nicht genug helfen können oder meinen, dass es uns aus Solidarität dann auch nicht gut gehen darf, oder wir nehmen ihr Leiden zu sehr selbst an. Der Kern dieser Übung ist die Einsicht, dass wir letztendlich niemanden glücklich machen können, egal, wie sehr wir uns das auch wünschen. Wir können nur mit unserem eigenen Geist und unseren eigenen Reaktionen arbeiten und unsere eigenen Entscheidungen treffen. Wiederhole den folgenden Satz immer wieder leise während einer Meditation und auch während des Tages: Jeder ist auf seinem Lebensweg. Ich bin nicht die Ursache für dein Leiden (oder nicht die ausschließliche Ursache), Moments for Selfcare | Ressourcen für den Alltag Dr. Christiane Wolf ist Dharma-Lehrerin in der Vipassana-Tradition und MBSR-Ausbilderin. Ihre eigene Praxis begann vor über 25 Jahren. Seit 2003 lebt und arbeitet sie hauptsächlich in Los Angeles, wo sie Retreats und MBSR-Programme bei der Non-Profit-Organisation InsightLA leitet. www.christianewolf.com Übungen zur Gelassenheit noch steht es völlig in meiner Gewalt, es zu beenden, obwohl ich mir das wünschen würde. Augenblicke wie diese sind schwer auszuhalten, und doch werde/möchte ich weiterhin versuchen, zu helfen, wo ich kann. (nach Kristin Neff)

Weiter Himmel, offenes Gewahrsein

In der Meditation können wir nach einer anfänglichen Sammlung und Konzentration auf den Atem das Gewahrsein wie eine Kameralinse immer weiter öffnen, bis sich der Unterschied von Vordergrund (Atem) und Hintergrund (alles andere, wie zum Beispiel Gedanken, Gefühle, Geräusche, Körperempfindungen etc.) auflöst. Wir können uns innerlich zurücklehnen und das ständige Entstehen und Vergehen von Erfahrung im Moment beobachten, ohne uns in Details zu verfangen. Wir ruhen in der Perspektive des weiten Himmels und lassen alle Erfahrungsmomente wie Wolken oder Vogelschwärme vorbeiziehen.

Freude an der Meditations praxis

Freude an der Meditations praxis

Wer regelmäßig meditiert, möchte dabei Freude, tiefen Frieden und Verbundenheit mit sich selbst spüren. Doch oft fühlt sich die Praxis ganz gegenteilig an. Wie sich das ändern lässt – dafür hat Meditationslehrerin Christiane Wolf einige hilfreiche Impulse.

Text: Christiane Wolf | Foto: Ameen Fahmy

Wer regelmäßig meditiert, möchte dabei Freude, tiefen Frieden und Verbundenheit mit sich selbst spüren. Doch oft fühlt sich die Praxis ganz gegenteilig an. Wie sich das ändern lässt – dafür hat Meditationslehrerin Christiane Wolf einige hilfreiche Impulse.

Wenn wir nicht wenigstens ein gewisses Maß an Freude an der Meditation haben, bleiben wir meist nicht dabei. Wenn nur der Kopf von tollen Forschungsergebnissen zum Thema Meditation überzeugt ist, das Herz von dem ganzen Herumsitzen und Atembeobachten aber unberührt bleibt, werden wir nicht lange meditieren. Eine der Grundfunktionen unseres Gehirns ist das BelohnungVermeidungs-System, was darauf ausgerichtet ist, Verhalten zu wiederholen, das angenehm ist, und Verhalten, das wir als unangenehm empfinden, zu vermeiden. Da macht unsere Meditationspraxis leider keine Ausnahme. Wir sind zwar in der Lage, Anstrengung und Herausforderung mit Disziplin eine Weile lang durchzuhalten, aber wenn nicht wenigstens ein Teil der Meditationen auch angenehme Gefühle oder zumindest ein Gefühl der Erleichterung hervorruft, dann werden wir damit ähnlich verfahren wie mit dem neusten Fitnessregime oder der letzten Diät … Natürlich wird es bei der Meditation, wie bei jeder anderen regelmäßigen Tätigkeit, Phasen geben, die sich weniger lebendig und engagiert anfühlen und in denen wir das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Das ist zu erwarten und wird keinen Langzeit-Praktizierenden von der Meditation abhalten. Aber auch hinsichtlich der Meditationspraxis können wir in den Autopiloten verfallen und so ist es gut, hier regelmäßig zurückzutreten und genau hinzusehen, was wir da machen – und wie, denn zum Glück gibt es einige Herangehensweisen, mehr Lebendigkeit und Freude in unsere Meditationspraxis einzuladen.

Die Kraft der Neugier

Judson Brewer, Hirnforscher und Suchtexperte, hat das sogenannte Default Mode Network des Gehirns, unsere „Standardeinstellung“, mitentdeckt und erforscht. Diese Standardeinstellung führt dazu, dass wir alles, was im Inneren und Äußeren geschieht, automatisch auf uns selbst beziehen. Meditation kann diese Fokussierung des Selbst als Zentrum des Universums deaktivieren. Das Zauberwort ist hier Neugier. Neugier, unser angeborener Forschertrieb, geht mit Offenheit einher, wir sind flexibel, engagiert, aber gleichzeitig entspannt. Sie ist nicht ergebnisorientiert und wir empfinden Neugier außerdem als angenehm, daher können wir sie gut als „Belohnung“ benutzen. Im Falle der Meditation ist das Objekt der Neugier die Erfahrung im gegenwärtigen Moment. Neugier bringt uns aus dem Grübeln und Sorgenmachen. Allein die Bitte an Meditationsneulinge, einfach neugierig zu sein, was im Moment passiert, führt Studien zufolge zu einer starken Deaktivierung des Default Mode Network im Gehirnscan. Aber – ganz spannend! – sobald ein Meditierender sich anstrengt, es besonders gut zu machen, er sich z.B. stark bemüht, besonders lange keine abschweifenden Gedanken zu haben oder der Beste im Meditieren zu werden, wird der Ich-Fokus des Hirns sofort wieder angeschaltet. Der ständige Fokus auf das Selbst ist anstrengend! Das ist das Paradox der Meditation: Es geht tatsächlich um das entspannte, aber wache und neugierige Sein, und nicht um ein bemühtes oder erzwungenes Tun, das auf ein Ergebnis ausgerichtet ist.

Oft weiß ich gar nicht, wie ich mich in einer Situation fühle, bis ich in der Meditation, in dem von äußeren Ablenkungen zurückgezogenen Raum, einmal richtig hingehört oder besser gesagt „hingefühlt“ habe.

Vertiefende Perspektiven

In der Meditation lernen wir, Erfahrung einfach wahrzunehmen, wie etwa Geräusche zu hören, ohne sofort in das Beurteilen und Bewerten zu verfallen. Somit kann die momentane Erfahrung einfach durch uns hindurchfließen – entstehen, da sein, vergehen –, ohne dass innerlich zusätzliche Verwirbelungen und Strudel durch Bedeutung und Interpretation entstehen müssen. Ich erinnere mich an eine Meditationsklasse in Los Angeles. Während ich eine Meditation anleitete, gab es plötzlich ein kleines Erdbeben. Es war nur ein leichtes Schütteln des Bodens, das ich neugierig wahrnahm. Ich fügte dann einfach in meine Anleitung ein: „Jetzt vielleicht die Bewegungen des Bodens wahrnehmen.“ Dabei öffnete ich natürlich kurz meine Augen, um sicherzustellen, dass meine Kursteilnehmer ok waren – sie waren es. Wie man sich denken kann, brachte das im Anschluss eine sehr lebhafte Diskussion über automatische Muster und eingebildete oder tatsächliche Gefahren mit sich. Es gibt noch weitere erstaunliche Forschungsergebnisse: Brewer und sein Team fanden heraus, dass wenn man Meditierende mit einiger Erfahrung bittet, neugierig die Atemmoment_Hatch_Raum_65x280.indd 1 07.08.18 15:39 empfindungen wahrzunehmen und außerdem auf positive Gefühle wie Interesse, Erstaunen und Freude zu achten, sich das entspannte, freudvolle Ankommen im Hier und Jetzt noch vertiefte. Aber was mache ich, wenn in mir weit und breit keine positiven Geisteszustände zu finden sind? Wenn ich ärgerlich bin oder rastlos oder einfach nur von grauenvoller Langeweile überkommen? Gar kein Problem! Dann nehmen Sie eben genau das mit Neugier unter die Lupe und schauen, was passiert. Hilfreiche Fragen sind dann: Wie äußert sich Langeweile? Wo spüre ich sie im Körper? Was passiert mit Langeweile, wenn ich sie eine Weile mit freundlicher Neugier beobachte, anstatt mich nur über sie zu ärgern und zu versuchen, sie loszuwerden?

Wohlwollen, Selbstmitgefühl, Dankbarkeit

Wir können auch noch andere Geistesqualitäten in unsere Meditationspraxis einladen. Metta, die Praxis der Liebenden Güte oder des Wohlwollens, sollte meiner Ansicht nach zu jeder Meditationspraxis gehören. Sie können z.B. Ihre tägliche Meditation mit ein paar Minuten Freundlichkeit und guten Wünschen für eine geliebte Person und sich selbst beginnen und am Ende mit Metta für alle Lebewesen abschließen. Dieses Einbetten der Achtsamkeitspraxis in Freundlichkeit und Verbundenheit kann die gesamte Praxis emotional „aufwärmen“ und sie uns inniger und lebendiger erfahren lassen. Genauso kann Selbstmitgefühl ein Wundermittel für mehr Lebendigkeit und Freude in der Meditation sein. Den eigenen Schmerz mit Freundlichkeit wahr- und anzunehmen hilft, mit holprigen Strecken in der Meditationspraxis (und im Leben!) besser zurechtzukommen. Eine andere wunderbare Praxis für die Belebung der Meditation ist Dankbarkeit. Bruder David Steindl-Rast erinnert uns daran, dass es nicht Glück ist, das uns dankbar macht, sondern dass Dankbarkeit an sich glücklich macht. Dankbarkeit kann als tägliche Reflexion, etwa am Ende des Tages oder eben auch zu Beginn oder Ende der Meditation, praktiziert werden. Wofür bin ich heute oder gerade in diesem Moment dankbar? Wie und wo im Körper ist Dankbarkeit spürbar? Wie alle positiven Geisteszustände können wir Dankbarkeit nicht erzwingen. Wenn der Geist verschlossen ist und schlechte Laune und Zynismus vorherrschen – wir alle haben diese Tage –, dannmüssen wir uns nicht schlecht fühlen. Dann praktizieren wir nichtverurteilende Wahrnehmung und verlassen uns auf unser Wissen, dass auch diese Geisteszustände vorübergehen.

Lauschen in Hingabe

Meditation kann auch als eine Art des inneren Zuhörens praktiziert werden. Ich lausche mit Hingabe nach innen, höre mir mit Wohlwollen und Neugier selbst zu. Was bewegt mich wirklich? Was hat mich berührt oder verletzt? Was ist jetzt wichtig? Diese Fragen beantworten sich oft nicht so leicht im Trubel des Alltags. Oft weiß ich gar nicht, wie ich mich in einer Situation fühle, bis ich in der Meditation, in dem von äußeren Ablenkungen zurückgezogenen Raum, einmal richtig hingehört oder besser gesagt „hingefühlt“ habe. Diese Art des tiefen Zuhörens sollten wir auch anderen schenken, aber ganz besonders uns selbst. Mutter Teresa wurde einmal in einem Interview gefragt, was sie denn in ihren Gebeten sagen würde. Sie antwortete: „Ich sage nichts, ich höre einfach zu.“ Darauf fragte der Reporter: „Was sagt Gott denn?“ Ihre Antwort war: „Er sagt gar nichts. Er hört auch nur zu.“ Und dann fügte sie hinzu: „Und wenn Sie das nicht verstehen, dann kann ich Ihnen das auch nicht erklären.“ In der Meditation lassen sich durchaus Elemente des stillen Dialoges wiedererkennen, der sich auch in hingebungsvollem inneren Lauschen äußern kann. Dies ganz bewusst in die Meditation einzubringen, kann sehr bereichernd sein.

Rahmenbedingungen

Auch die äußeren Umstände unserer Meditationspraxis sind wichtig. Wo meditieren Sie? Habe Sie einen besonderen Ort, ein Plätzchen im Haus oder Ihrer Wohnung, die Ihre Liebe zur Praxis ausdrückt und Sie inspiriert? Vielleicht stimmt Sie das Lesen eines Gedichtes oder einer Passage in einem Buch auf die Meditation ein. Es kann auch bereichernd sein, immer wieder mal draußen in der Natur oder mit anderen zu meditieren und Aspekte der Praxis zu besprechen. Ebenso wirken regelmäßige Schweigezeiten, von ein paar Stunden bis zu mehrtägigen oder -wöchigen Retreats, oft Wunder für die Erneuerung und Erfrischung der eigenen Meditationspraxis. Letztlich sollten Sie ganz persönlich für sich herausfinden, was Sie zu einer regelmäßigen Meditationspraxis inspiriert. Das wird sich im Laufe der Zeit immer wieder ändern, da auch Sie sich ja ändern. Wenn Meditation anfängt, sich trocken und freudlos anzufühlen, lohnt es sich, mit freundlicher Neugier auf die eigene Praxis als Ganzes zu schauen. Finden S ie für sich heraus, was Jon Kabat-Zinn meint, wenn er Meditation als einen „radikalen Akt der Liebe und von gesundem Menschenverstand“ bezeichnet.