Sharon Salzberg

Sharon Salzberg reiste 1971 als junge Frau allein nach Indien, um die Meditation zu erlernen. Nach ihrer Rückkehr in die USA gründete sie zusammen mit Jack Kornfield und Joseph Goldstein die Insight Meditation Society in Barre, Massachusetts, schrieb zahlreiche Bücher und ist heute eine der bekanntesten Meditationslehrerinnen weltweit. Wir sprachen mit ihr über die Anfänge ihrer Arbeit, ihre heutige Sicht sowie über die Themen, die ihr besonders am Herzen liegen: Meditation, Mitgefühl und liebende Güte.

Sharon, wie siehst du dich heute selbst: als buddhistische Lehrerin oder doch eher als Achtsamkeitsund Mitgefühlslehrerin?

Das hängt vom Kontext ab. Mein allererster Lehrer war S. N. Goenka. Ich machte im Januar 1971 bei ihm ein Zehn-Tage-Retreat in Indien. In der ersten Nacht sagte er: „Der Buddha hat nicht den Buddhismus gelehrt, sondern eine Lebensweise.“ Und er fügte hinzu: „Das ist kein besseres Glaubenssystem; ihr müsst euer eigenes nicht aufgeben. Hier sind alle willkommen. Es geht um die Kraft deines Geistes.“ Daran habe ich mich seitdem orientiert. In manchen Kontexten nenne ich mich eine Buddhistin, in anderen sage ich: „So denke ich nicht.“ Und in sehr vielen Unterweisungssituationen sage ich: „Ich habe den Gebrauch dieser Werkzeuge in der buddhistischen Welt gelernt, und daher glaube ich, dass sie universell anwendbar sind.“ Aber die Sprache, die ich seit 1971 verwende – und das ist eine lange Zeit –, ist die des Buddhismus.

Erfüllt dich etwas an der wachsenden säkularen Achtsamkeitsbewegung mit Sorge?

Nein. Zum Teil aufgrund des starken Einflusses von Goenka. Ich weiß nicht, was die Leute sich vorstellen, was passiert, wenn man in ein Unternehmen geht, um dort zu lehren. Zu mir hat noch nie jemand in einem Unternehmen gesagt: „Ich möchte gefühlsund seelenlos werden, um leistungsfähiger zu sein.“ Denn Menschen sind Menschen; sie erzählen von ihrem alkoholkranken Bruder, von ihrem Kind, um das sie sich Sorgen machen, von ihrem Stress oder davon, dass sie nicht schlafen können. Anderes an dieser Entwicklung macht mir schon Sorgen. Zum Beispiel wird das Wort „Achtsamkeit“ auf tausend unterschiedliche Weisen benutzt. Aber das habe ich nicht in der Hand, und es muss nicht zwangsläufig schlecht sein. In der Meditationspraxis wird heute viel Wert darauf gelegt, bewusster zu leben, die Tasse Tee zu genießen, also kein Multitasking zu machen – das ist toll und daran ist nichts falsch. Doch die ursprüngliche Absicht war, durch Meditation das eigene Leben besser zu verstehen, es ging und geht um Weisheit und Einsicht, nicht bloß um das bewusstere Trinken einer Tasse Tee. Viele Menschen glauben, Weisheit und Einsichtkämen durch den Prozess des Achtsamseins von ganz allein. Da habe ich große Bedenken. Meine Hauptsorge betrifft allerdings die Ausbildung der Lehrer. Die Frage ist: Wer unterrichtet? Und was? Der Großteil der Lehrer ist gut motiviert, und viele führen ihre Trainingsprogramme an wirklich harten Orten durch, etwa in Gefängnissen, und leisten eine erstaunliche Arbeit, die ich nicht leiste. Aber die meisten Organisationen, die Achtsamkeitsprogramme in Firmen oder sozialen Einrichtungen einführen, wollen, dass dort Interne die Arbeit übernehmen und nicht fortwährend Leute von außerhalb kommen müssen. Jemand von einer staatlichen Stelle sagte mir einmal: „Das heißt, wir müssen die Trainer selbst ausbilden.“ Ich wollte wissen, wie lang das Training dauern sollte. „Acht Stunden.“ Ich antwor34 | by moment tete: „Da kommt nichts Gutes raus.“ Aber so wird es gemacht. Ich bitte die Leute dringend: „Wenn du diese Art von Training machst, werden acht Stunden nicht reichen. Denk nicht, dass du dann fertig und vom Schüler zum Meister geworden bist.“ Und dann ist es ganz wichtig, eine Gemeinschaft zu bilden, denn dort können Menschen sich gegenseitig unterstützen.

Hast du immer die Freiheit empfunden, dass du in allen Traditionen Lehrer finden kannst, oder hat dir an einem bestimmten Punkt etwas gefehlt?

Ich hatte nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Ich lebte in Indien und das war voller Lehren, Praktiken und allem möglichen. Zu Beginn waren all meine Lehrer Birmanen oder in Birma ausgebildet worden. Ich musste mir sehr schnell Lehrer aussuchen. Aberich begriff, dass ich in Bezug auf die Praxis bei einem bleiben musste. In gewisser Weise war ich zu verwirrt und praktizierte eigentlich nicht, sondern verglich, wenn ich meditierend dasaß, bloß unterschiedliche Praktiken. Doch es war für mich sehr wichtig, mich schließlich für eine zu entscheiden. Später kam die Meditation der liebenden Güte hinzu. Ich machte Vajrayana-Praktiken, praktizierte in den Dzogchen-Traditionen, etwa deren Achtsamkeitsübungen. Für mich war das alles eine ganz natürliche Entwicklung.

Empfiehlst du Anfängern, sich auf eine Tradition zu konzentrieren?

Das hängt davon ab, was ihnen in ihrem Geist begegnet. Wenn man einen Geist wie ich hat, ist es sicher eine sehr gute Idee. Aber selbst wenn du dich auf eine Methode festlegst – und das muss ja nicht fürs ganze Leben sein –, kannst du von Vorträgen und Texten aus anderen Traditionen sehr profitieren, weil du dann bemerkst, dass du die Dinge auch aus anderen Blickwinkeln betrachten kannst.

Ich möchte mit dir über das Thema „Trauma“ sprechen, weil es gerade in aller Munde ist. Du hast in deinen Büchern von deinem eigenen frühen Trauma geschrieben, das auch einer der Gründe dafür war, dass du dich auf diesen Weg begeben hast. Wie hat deine Traumageschichte dich beeinflusst?

Ich verwende lieber das Wort „Leiden“. Und ich mache mal in dieser Richtung weiter, denn ich weiß nicht, ob im Wort „Trauma“ alles Leiden enthalten ist. Mit dieser Frage stellst du meine Praxis auch in den Zusammenhang der Geschichte jener Zeit. Gerade vor ein paar Wochen war ich in Buffalo, New York, wo ich aufs College gegangen bin und im zweiten Studienjahr einen Kurs in asiatischer Philosophie belegt hatte. Damals ist etwas in mir passiert, und ich brannte darauf, zu meditieren. Ich sah mich in Buffalo um, aber da gab es nichts. Die Universität hatte jedoch ein Programm für eigenständige Studien, und so habe ich ein Projekt entworfen: Ich bat darum, nach Indien gehen zu dürfen, um dort Meditation zu studieren, und sie haben mir das bewilligt. Und weg war ich! Nach all den Jahren erstaunt mich noch immer, dass ich damals unbedingt meditieren lernen wollte. Ich war 18 Jahre alt und noch nicht mal in Kalifornien gewesen. Aber ich ging nach Indien! Und ich war nicht die Einzige. Die Hälfte von uns wollte damals etwas finden, das fremd und kaum erreichbar schien. Damals trank noch niemand Chai, Yoga gab’s noch nicht überall. Viele drängte sehr schweres Leid zu diesem Schritt. Es ermöglichte uns, uns aufzumachen, das Risiko einzugehen und all das, was uns bedrückte, zu transformieren. Dafür werde ich immer dankbar sein. Aber da ist auch das Geheimnis unserer Reaktion. Denn viele Menschen leiden, aber sie reagieren nicht so. Ich komme oft auf ein Zitat von Roshi Joan Halifax zurück, das ich auch in meinen Büchern verwende: „Zwing dich nicht, deine Traumata als Gaben anzusehen. Nimm sie einfach als gegeben.“ Also: Dies und jenes ist passiert. Nimm es, wie es ist. Denn alles andere erzeugt einen enormen Druck und macht es unangenehm, nur daran zu denken.

Es fühlt sich tatsächlich vermessen an, ein Trauma als Gabe anzusehen. Was hat dann tatsächlich geholfen?

Alles. Ich habe Methoden erlernt, die mir zunächst einmal ermöglicht haben, das, was ich fühlte, zutage zu fördern und all diese Gefühle zuzulassen. Ich hatte Lehrer, die mich liebten und die ich liebte, also sehr heilsame Beziehungen. Ich gründete eine Gemeinschaft und wurde ein Teil von ihr. Eine Gemeinschaft, die heute, gefühlte tausend Jahre später, immer noch quicklebendig ist. Meine Zeit in Indien hat mir natürlich auch geholfen. In meiner Kindheit wurde, wie bei so vielen anderen, nie wirklich über mein Leiden gesprochen, während in Indien nichts verborgen bleibt, es liegt sozusagen alles offen auf der Straße, und das ist ganz erstaunlich! Aber ich habe einen starken Hang zu Methoden, denn das sind wirkliche Fähigkeiten und Werkzeuge. Wenn ich mit Bevölkerungsgruppen arbeite, die ich als traumatisiert bezeichnen würde, ist das einer der Begriffe, die ich am häufigsten benutze: Werkzeug. Und die Leute nehmen das gerne auf: „Ach, das sind Werkzeuge! Dann kann ich damit arbeiten, wenn ich eine Panikattacke habe?“

Werkzeuge bedeuten auch Kontrolle. Und genau die verlieren wir in traumatischen Situationen, oder?

Genau.

Was empfindest du dabei als besonders hilfreich?

“Besonders hilfreich“, das ist schwer zu sagen. Ich glaube, da kommt einiges zusammen: uns erlauben, das, was wir fühlen, zu fühlen und es nicht zu beurteilen; erkennen, dass Eigenschaften wie Mitgefühl keine Schwäche sind, sondern eine große Kraft in ihnen liegt; und dass Mitgefühl mit uns selbst nicht bedeutet, dass wir aufgeben. Mit all den vielen Mythen übers Glück, die uns beigebracht worden sind, sind uns auch viele über Einsamkeit und darüber, was Stärke bedeutet, vermittelt worden.

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